Wie kann ich mich von Abhängigkeiten und Süchten befreien?

Dieser auch für die spirituelle Entwicklung bedeutenden Frage widmet sich Reiki-Meister und Diplom-Psychologe Harald Wörl in diesem Artikel, am Beispiel des Abnehmens.

In einem sehr lesenswerten Buch von Deepak Chopra wird die Frage, die die Überschrift zu diesem Artikel bildet, bezogen auf das Abnehmen schon im Titel treffend auf den Punkt gebracht: „Wonach wir WIRKLICH hungern“.(1) Dabei ist „Hungern“, nicht bloß beim Abnehmen von Übergewicht (was für viele Menschen in unserem Kulturkreis eines der größten Probleme in Sachen Abhängigkeiten und Süchte ist), kein rein körperliches Problem. Ganz im Gegenteil: Auch hier trifft zu, dass unser „Hunger“ ebenso damit zu tun hat, was wir fühlen, also mit unseren Emotionen. Und unsere Emotionen sind wiederum eng mit unseren Gedanken verknüpft – mit dem, was wir denken und im jeweiligen Augenblick für wahr halten.

Ich glaube, übertragen auf alle Abhängigkeiten und Süchte, trifft zu, dass man damit:
– eine emotionale Leere füllen möchte.
– eine geistige Leere füllen möchte (zum Bespiel ein schwaches Selbstbewusstsein, ein schlechtes Körperbild, ein Gefühl des Versagens oder der Frustration).
– eine seelische oder spirituelle Leere füllen möchte.(2)


Und obwohl es, was die sprachliche Herkunft angeht, nicht zutrifft, dass das Wort „Sucht“ von „suchen“ kommt, ist eine ebenso spannende Frage: Was bzw. wonach suchen wir eigentlich genau? Ich finde, es ist eine gute Ausgangsbasis davon auszugehen, dass wir mit unseren kleineren und größeren Abhängigkeiten und Süchten eigentlich die Erfüllung von etwas Bestimmtem suchen – dass wir nach etwas Bestimmtem „hungern“, das für uns eine emotionale, mentale und spirituelle Bedeutung hat. Abhängigkeiten und Süchte, unabhängig von dem jeweiligen Gelingen, als einen Lösungsversuch anzusehen, erscheint mir gerade in der Praxis als sinnvoll, weil es dabei behilflich sein kann, den sich negativ auswirkenden Selbstabwertungen oder Selbstkritik quasi von vorneherein einen Riegel vorzuschieben. Menschen, die unter ihren Abhängigkeiten oder Süchten leiden, wissen oft sehr wohl, dass ihre konkreten Verhaltensweisen sehr destruktive Auswirkungen haben (können). Ihre oft gleichzeitig erlebte Unfähigkeit, daran irgendetwas ändern zu können, macht es nicht einfacher, sich trotzdem zu akzeptieren.

So scheint es mir auch hier der wesentlichste, allererste Schritt zu sein, den Status quo, den Ausgangspunkt, so wie er nun mal eben ist, zu akzeptieren, anzuerkennen. Genauer müsste man eigentlich sagen: sich selbst so zu akzeptieren, wie man gerade ist, mit all seinen kleineren und größeren Abhängigkeiten und Süchten. Das allein mag für manche, trotz aller hier noch folgenden Hinweise und Ausführungen, schwierig bis unmöglich zu sein. Deshalb möchte ich an dieser Stelle, stellvertretend für alle weiteren Stationen auf dem eigenen Weg, darauf hinweisen, dass man sich zu jedem Zeitpunkt auch helfen lassen kann, soll oder „muss“ – gerade wenn einem das Folgende als eine Do-it-yourself-Gebrauchsanleitung vorkommen mag. Beschäftigt man sich mit den Lebensgeschichten großer spiritueller Persönlichkeiten, wird man darin ausnahmslos immer finden, dass auch diese als Entwicklungshelfer auf ihrem Weg stets Lehrer gehabt haben, die ihnen bei der Entwicklung ihres Potentials behilflich waren. Wenn selbst solche großartigen Menschen eine Entwicklungs-Hilfe „nötig“ hatten, warum sollte nicht auch uns, die wir ebenfalls auf der Suche sind, eine solche Hilfe zustehen?

Zwei vermeintlich unterschiedliche Perspektiven

Ein erste Überlegung oder Sichtweise im Hinblick auf unseren Versuch, uns von Abhängigkeiten oder Süchten zu befreien, könnten die beiden folgenden Perspektiven sein:

Perspektive eins: Alle Menschen – also auch wir – suchen nach etwas Bestimmtem im Leben. Dieses „gewisse Etwas“, das von jedem gesucht wird, kann durchaus unterschiedliche Bezeichnungen haben, auch entsprechend dem jeweiligen Bewusstsein(sstand). Für den einen ist es vielleicht der Lebenssinn oder seine Lebensaufgabe, für einen anderen der Wunschpartner oder die „große Liebe“, für noch jemand anderen sind es vielleicht die berühmten „Sechs Richtige im Lotto“. Unter dieser Perspektive können unsere Abhängigkeiten und Süchte als ein Versuch angesehen werden, dieses „gewisse Etwas“ zu finden. Und jeder Versuch, eine Lösung für ein Problem zu finden, ist keine Schande, selbst wenn er nicht gelingt bzw. bislang noch nicht gelungen ist.

Perspektive zwei: Alle Menschen – also auch wir – erleben auf ihrem Lebensweg Zustände von emotionaler, mentaler und spiritueller Leere. Diese Zustände können teilweise so schmerzhaft oder so existentiell unangenehm sein, dass diese Leere mit irgendetwas gefüllt werden muss bzw. versucht wird zu füllen, um davon abzulenken. Unter dieser Perspektive können unsere Abhängigkeiten und Süchte als ein Lösungsversuch angesehen werden, die emotionale, mentale oder/und spirituelle Leere zu füllen bzw. diese nicht wahrnehmen, nicht erleben zu müssen. Auch dieser Versuch ist, selbst wenn er vom Resultat her nicht wirklich oder nicht wirklich dauerhaft gelingt, nicht nur nicht „strafbar“, sondern er kann für uns sogar überlebens-notwendig sein bzw. gewesen sein.



Betrachtet man Abhängigkeiten und Süchte zum Beispiel als mindestens erfolgreich darin, das eigene Leben und Überleben bis zum heutigen Tage gesichert zu haben, ist das auch keine Quelle für Selbstvorwürfe. Dabei wäre auch ein Vorwurf in die eigene Richtung, dass diese Lösungsversuche nicht gerade sehr intelligent gewesen sein mögen, selbst kein Ausdruck wirklicher Intelligenz, die diese Bezeichnung auch verdient. Denn: Löcher zu stopfen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, damit beispielsweise ein Schiff nicht sinkt, erscheint uns sinnvoll. Und auch der Besuch beim Zahnarzt erscheint uns sinnvoll, damit dort Löcher verschlossen werden, die eben nun einmal entstanden sind – auch wenn man sich eventuell Gedanken darüber machen kann, welches Material man dafür verwenden will.

Leere und Lehre

Aus psychotherapeutischer Sicht ist es nicht unüblich, Abhängigkeiten und Süchte als einen (nicht wirklich gelingenden) Heilungsversuch von emotionalen Wunden anzusehen. Während hier in der Regel (traditionell bedingt) eher die unter „Perspektive zwei“ angeführte Sichtweise zur Anwendung kommt, ergibt sich aus „spiritueller Sicht“ oft die unter „Perspektive eins“ ausgeführte Sichtweise. Für mich sind beide Perspektiven die zwei untrennbaren Seiten ein und derselben Medaille. Mit einem Augenzwinkern formuliert, hat der psychotherapeutische Teil in mir Sorge darum, arbeitslos zu werden, wenn er sich nicht mehr mit der Identifizierung von schmerzhaften bzw. unangenehmen Leerezuständen beschäftigen kann. Dem spirituellen Teil in mir ist das egal, aus seiner Sicht ist die Beschäftigung damit schlicht Zeitverschwendung. Pointiert zugespitzt ist aber unsere Ausgangsbasis in der Regel noch viel „schlimmer“, wenn es um unsere kleinen oder größeren Abhängigkeiten und Süchte geht: Wir haben keinen blassen Schimmer davon, was wir eigentlich suchen oder wonach wir wirklich hungern. Und gleichzeitig wissen wir ziemlich wenig von unseren emotionalen, mentalen und spirituellen Leerezuständen bzw. unser Bewusstsein davon ist schon eher dürftig. Anders formuliert wissen wir einerseits nicht, was wir eigentlich suchen, andererseits bemerken wir auch das Nicht-Finden nicht bzw. nehmen es nicht wahr – und stecken so gewissermaßen in einer Sackgasse. Als „Ausweg“ oder Auswegsversuch aus dieser Sackgasse sind Abhängigkeiten und Süchte nicht die schlechteste Lösung. Die gute Botschaft ist: Es gibt eine noch bessere!

Theoretisch gesehen haben wir in jedem Augenblick potentiell gesehen die Möglichkeit, uns darüber bewusst zu sein oder zu werden, wonach wir eigentlich suchen, wonach wir wirklich hungern. Befragt man aber, ganz praktisch, Menschen direkt danach, so können sie darauf in der Regel keine direkte oder konkrete Antwort darauf geben – tatsächlich bleibt im besten Falle die Antwort zumindest vage. Das ist von daher auch verständlich, denn wenn jemand um sein Ziel wüsste und auch um den Weg dorthin, wird er diesen Weg auch gehen, zumindest unterwegs sein, wenn nicht schon „angekommen.“

Es mangelt uns hier an „Selbst-Bewusstsein“ im wörtlichen Sinne, und so entsteht die Frage, wie wir uns unserer essentiellen Ziele und Bedürfnisse bewusst(er) werden können. Eine eher untaugliche Antwort auf diese Frage ist eine Art innerer Beschäftigung damit, bei der wir uns eher früher als später und eher unbemerkt als bewusst in Problemzuständen wiederfinden bzw. Problematisches irgendwie analysieren, deuten, bewerten etc. Wobei wir uns hier im obigen Sinne eigentlich unbewusst/unbemerkt in irgendwelche Leerezuständen hineinbewegen oder automatisch hineingelangen, was dann die eigentlichen Lösungs- oder Ablenkungsversuche in Form von kleineren oder größeren Abhängigkeiten und Süchten auf den Plan ruft, denen wir eigentlich zu entkommen suchten. Nicht untypisch für eine solch eher frustrierende Erfahrung ist dann die Reaktion, uns „mehr anzustrengen“, uns „mehr Disziplin“ abzuverlangen, „härter“ mit uns selbst ins Gericht zu gehen etc. Dies funktioniert aber nicht wirklich und nicht dauerhaft. Wir geben dann entweder auf – oder halten es mit Mark Twain, der bezogen auf das Rauchen erklärte, dass es überhaupt kein Problem sei damit aufzuhören, er selbst habe es über hundert Mal gemacht.

Was ist Achtsamkeit?

Die Lösung ist einfach. Unser Alltagsbewusstsein ist aber – jedenfalls meiner Erfahrung nach – in der Regel so strukturiert, dass es zwar vorgibt, einfache Lösungen zu „mögen“, diese aber in der Regel nicht versteht, jedenfalls nicht auf Anhieb. Deshalb ist meine Erfahrung, dass einfache, aber wirkungsvolle Lösungen erklärt werden müssen, damit sie wenigstens im Ansatz begriffen und ausprobiert werden. Als Schnittstelle bzw. Verbindung der beiden oben ausgeführten Perspektiven könnte man eine Perspektive der Achtsamkeit ansehen. Dss Prinzip der Achtsamkeit, ursprünglich eher aus „spirituellen“ Richtungen kommend, findet inzwischen immer mehr Eingang auch in den Bereich der Psychotherapie, auch aus ganz praktischen Gründen. Ich verzichte an dieser Stelle näher darauf einzugehen, welche Richtungen beispielsweise achtsamkeitsbasierter Meditation es gibt, sondern möchte mich lieber ganz pragmatisch der Auflösung des oben geschilderten Dilemmas widmen, wie wir es erreichen können, ein (größeres) Bewusstsein dafür zu bekommen, was wir im Leben wirklich wollen und wie wir ein (größeres) Bewusstsein dafür erreichen können, wenn wir von unserem Weg abkommen.

In seinem oben erwähnten Buch beschreibt Deepak Chopra eine Übung, die für unseren Zweck auch deshalb sehr geeignet ist, weil sie insgesamt in nur wenigen Augenblicken absolviert werden kann, also unser Vorhaben nicht schon daran scheitern lässt, dass wir vermeintlich keine Zeit dafür haben:

„Seien Sie sich Ihres Körpers bewusst:
Wenden Sie sich seinem Inneren zu und stimmen Sie sich auf seine realen Empfindungen ein – ganz gleich, welche auch immer es sein mögen. Spüren Sie, was Ihr Körper spürt.

Seien Sie sich Ihrer Gefühle bewusst:
Schließen Sie die Augen, lenken Sie die Aufmerksamkeit auf Ihr Herz und achten Sie darauf, was Sie fühlen. Ruhen Sie in sich, nehmen Sie keinen Einfluss, beobachten Sie einfach diese Gefühle.

Seien Sie sich Ihrer Entscheidungen bewusst:
Wählen Sie einen ruhigen Augenblick, vielleicht morgens nach dem Aufwachen, oder wenn Sie entspannt unter der Dusche stehen, und denken Sie darüber nach, wie Sie anstehende Entscheidungen am besten treffen können. Die besten Entscheidungen trifft man in einem Zustand ruhiger Wachheit.“(3)

Mir ging es früher beim Lesen solcher Übungen meist so, dass meine innere Reaktion eine Mischung aus erfreuter Zustimmung war im Sinne von „Ja, das klingt gut“, sowie von eher abschätziger Ablehnung im Sinne von „Was soll das denn bringen?“. Das Resultat war dann meist, dass ich sie weder ausprobierte und schon gar nicht regelmäßig machte. Und aufgrund dieser Erfahrung kann ich bestätigen, dass Übungen nur einen geringen Nutzen haben, wenn man sie lediglich liest oder ihr Ausführen oder Ausprobieren auf ein undefiniertes „Später“ verschiebt.

Geändert hat sich das erst, als ich mich dann glücklicherweise dazu entschieden habe, eine Übung solcher Art einmal über einen längeren Zeitraum selbst auszuprobieren. Ich denke dabei nicht, dass es „die“ Übung in diesem Bereich gibt, die für jeden Menschen gleichermaßen „die Beste“ ist. Ich bin eher ein Fan von auf das jeweilige Individuum zugeschneiderten, individuellen Lösungen. Was man gleichzeitig wohl allgemeingültig sagen kann ist allerdings, dass es einen Unterschied macht, ob man eine Übung nur liest oder diese für einen längeren Zeitraum möglichst kontinuierlich auch praktiziert. Erfahrungsgemäß kann man sagen, dass erste – wesentliche – Erfahrungen schon nach mindestens 30 Tagen gemacht werden, wenn nicht schon früher. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Übung macht den Meister!“

Dabei scheint mir der erste kritische Punkt das Anfangen zu sein – und der nächste dann das Dabei-bleiben, egal worum es sich dreht. Meister zu sein, egal ob in Reiki oder sonst etwas, das hätten wir schon gerne – den erforderlichen Weg dafür zu gehen, fällt den meisten schon etwas oder sehr viel schwerer. Dreh- und Angelpunkt dafür, ob wir überhaupt etwas tun und, wenn ja, wie, sind unseren inneren Prozesse. Und weil unsere inneren Prozesse im wahrsten Sinne des Wortes lebens-entscheidend sind, gibt es eigentlich nichts Wichtigeres, als dafür eine größere Bewusstheit zu bekommen. Eine wesentliche Frage dabei ist auch, wie sehr wir uns dafür motivieren können. Wobei „Motivation“ zugleich auch etwas ist, das sehr wesentlich von unseren inneren Prozessen abhängt, womit sich die Katze – möglicherweise – nicht nur hier in den Schwanz beißt.

Bezogen auf die Thematik der Achtsamkeit ist es beispielsweise die Frage, wie sehr man sich bereits im Voraus vorstellen oder erahnen kann, welche positiven Effekte das Praktizieren einer bestimmten Übung haben wird, wenn man diese nicht bloß 30 Tage, sondern 30 Monate oder 30 Jahre lang ausübt? Aufgrund meiner eigenen Erfahrung sowie meiner Beobachtung von Erfahrungen anderer kann ich sagen, dass sich durch solche Übungen auch die Wahrnehmungsmöglichkeit bzw. Bewusstheit im positiven Sinne „automatisiert“. Das heißt, wenn mir während der Übung(szeit) zum Beispiel etwas Bestimmtes klar wird, wird sich dieses Klarer/Bewusster-werden – nach einer gewissen Zeit der Übung – nicht allein auf die Zeit der Übung beschränken, sondern wird auch außerhalb der formalen Übungszeiten vermehrt spontan auftreten. So wird gewissermaßen das ganze Leben zur Übung, und ich fahre die positiven Effekte nicht nur während der Zeit meiner Übung ein, sondern jederzeit.

Praktische Beispiele

Einer Patientin, die Jahrzehnte erfolgloser bzw. „erfolgreicher“ Versuche des Ab- und wieder Zunehmens hinter sich hat, wird bewusst, dass ihre Wahrnehmung ihres Körpers beim Essen nur bei den Geschmacksempfindungen in ihrem Mund verweilt. Wie die Nahrung sich dann anschließend in ihren Magen begibt und dort dann auch ein Sättigungsgefühl hinterlässt, wird von ihr nicht wahrgenommen – und liegt damit buchstäblich außerhalb ihres Wahrnehmungsfokus. Diäten, gleich welcher Art, können nur für eine begrenzte Zeit das fast zwangsläufig entstehende Muster des Überessens unterbrechen und führen dann zu dem bekannten Jo-Jo-Effekt. Die Erweiterung ihrer bewussten Körperwahrnehmung, auch auf ihren Magen, beim Essen war bei ihr der „Missing link“, also der noch fehlende Baustein für sie, wodurch sie ihr Gewicht nun dauerhaft reduzieren kann.


Einem anderen Patienten wird bewusst, dass er sich beim Versuch der Analyse und Lösung seiner Probleme fast ausschließlich in gedanklichen Prozessen und Schleifen verliert. Eine Wahrnehmung seines Körpers oder seiner Gefühle findet nur ganz rudimentär statt. Im Gegensatz zu der obigen Patientin ist eine solche Reflexion dann noch nicht die Lösung an sich, zeigt jedoch auf, welche Wahrnehmungsebenen für eine dann tatsächlich funktionierende Problemlösung noch unbedingt integriert bzw. eingeübt werden müssen.

Kommen Patienten mit dem definierten Ziel zu mir in die Praxis, sich von Abhängigkeiten und Süchten befreien zu wollen, ist die Erarbeitung bzw. Bewusstwerdung, wohin ihre Lebensreise gehen soll, genauso essenziell wie die Bewusstwerdung der emotionalen und mentalen Zustände, in denen sie – bislang – festhängen. Entscheidend ist eigentlich immer die Bewusstwerdung der inneren Prozesse, die beispielhaft durch die obige Übung erreichbar ist. Eine Besonderheit bei Abhängigkeiten und Süchten kann es jedoch sein – diese Empfehlung gilt explizit auch für den Eigengebrauch! –, gewissermaßen eine Art Achtsamkeitsübung für vielleicht nur zehn Sekunden direkt vor der „Einnahme des jeweiligen Suchtmittels“ (oder des süchtigen/abhängigen Verhaltens) zu machen.

Dabei geht es darum, sich in dieser kurzen Zeitspanne seines Körpers bewusst zu werden, insbesondere auch der in diesem Augenblick vorhandenen Gefühle (und Gedanken), da diese in der Regel entscheidend für die Beibehaltung des bisherigen Verhaltens sind. Man ist dann auch nicht auf Vermutungen oder Spekulationen über mögliche oder unmögliche Hintergründe angewiesen, da der unangenehme Zustand der Leere und Nicht-Erfüllung in dieser Situation ganz direkt und am besten beobachtbar ist. Jede Information, jede Bewusstwerdung darüber, was jemanden nicht erfüllt, ist gleichzeitig ein Hinweis auch auf das Gegenteil, was jemanden erfüllt und wie der „Weg zur Erfüllung“ aussehen könnte. Wie eingangs erwähnt, kann man manches alleine erreichen – bei manchem benötigt man für diesen Bewusstwerdungsprozess allerdings auch Hilfe. Der achtsamkeitsbasierte Ansatz, das ursprüngliche abhängige oder suchterzeugende Verhalten als Vehikel zur Bewusstseinserweiterung und Erkenntnisquelle zu nutzen, gerade solange das Verhalten noch besteht, auch um es dadurch überflüssig zu machen, hat für mich einen wohlwollend eleganten Charakter.

Da dies ein Artikel für das Reiki Magazin ist, soll nicht der abschließende Hinweis fehlen, dass auch jede Reiki-Behandlung gleichzeitig als eine Achtsamkeitsübung der besonderen Art genutzt werden kann, sowohl für den Reiki-Empfänger als auch für den Reiki-Gebenden. Für manche Reiki-Empfangende ist es sehr hilfreich, wenn sie darauf hingewiesen werden, mit ihrer Aufmerksamkeit ohne große Anspannung bei den jeweiligen Körperstellen zu verweilen, wo ihnen jeweils die Hände aufgelegt werden. Eine Verbesserung ihres Körperbewusstseins, insbesondere in Verbindung mit angenehmen, heilsamen Empfindungen, ist für viele Menschen hilfreich.

Als Reiki-Gebender hat es sich für mich zum einen als hilfreich erwiesen, nicht wie anfangs meine Gedanken einfach schweifen zu lassen (was angenehm oder langweilig sein kann), sondern meine Aufmerksamkeit auf den Bereich zu fokussieren, wo ich meine Hände auflege. Zum anderen praktiziere ich parallel dazu Kotodamas, wie ich sie bei Don Alexander gelernt habe, so dass eine Reiki-Behandlung für mich als Gebenden gleichzeitig zu einer mühelosen, einstündigen Mantra-Meditation wird. Nach meiner Erfahrung intensiviert das einerseits die Wirkung einer Reiki-Behandlung für den Empfänger. Und indem ich meinem eigenen, ruhelosen Geist während einer Reiki-Behandlung gewissermaßen etwas Sinnvolles zu tun gebe, erfahre ich andererseits dabei als Resultat einen tiefen Frieden, in dem ich mich auch meiner eigenen Erfüllung näher fühle – auch wenn diese nicht (immer) mit Worten zu beschreiben ist.

Um zu verdeutlichen, dass die Einübung von Achtsamkeit gleichzeitig nicht an Reiki gebunden ist oder an die Form, die ich eingangs erwähnt habe, sondern variiert bzw. individualisiert werden kann und sollte, folgt abschließend eine solche Variation, die ursprünglich auf Dr. Bernie Siegel zurückgeht, die ganz oder in Teilen zur eigenen Anregung genutzt werden kann:

Übung: Achtsam sein

„Suchen Sie einen stillen Raum auf, in dem Sie allein sind. Setzen Sie sich aufrecht hin, stellen Sie Ihre Füße mit etwas Abstand voneinander auf den Boden. Legen Sie die Hände auf Ihre Knie und schließen Sie die Augen. Atmen Sie einige Male ein und aus. Wenn Sie entspannt und bereit sind, fühlen Sie sich ein in das, was in Ihnen geschieht. Lenken Sie Ihr Bewusstsein zu jedem der folgenden Bereiche:

•    Sinnesempfindungen: Nehmen Sie wahr, was Ihr Körper empfindet.
•    Bilder: Nehmen Sie die Bilder wahr, die vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen.
•    Gefühle: Nehmen Sie jede Emotion wahr, die in Ihnen aufsteigt. Erfühlen Sie Ihre Stimmung im Ganzen.
•    Gedanken: Betrachten Sie die Gedanken, die kommen und gehen.

Widmen Sie jedem Bereich eine Minute, bevor Sie die Augen wieder öffnen. Reagieren Sie nicht auf das, was Sie wahrnehmen. Beobachten Sie nur, ohne zu werten und ohne den Versuch, etwas zu verändern. Ein Beobachter zu sein, ist das Gleiche, wie zur Seite zu treten. Wenn Sie zur Seite treten, geben Sie der Geist-Körper-Verbindung den Raum, um zur Ruhe zu kommen und sich neu zu justieren.“(4)


Harald Wörl, Diplom-Psychologe, seit 1984 als Psychotherapeut in eigener Praxis tätig. Hilft Menschen zusammen mit seiner Frau bei der Selbstentfaltung ihres Potentials. Gibt seit 1992 als Reiki-Meister Seminare und Behandlungen.

Kontakt:

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Redaktioneller Hinweis: Der in diesem Artikel vermittelte Umgang mit Abhängigkeiten und Süchten ist bei stoffgebundenen Süchten wie z.B. Abhängigkeit von Opiaten oder Heroin sowie bei Alkoholsucht therapeutisch betrachtet bei weitem nicht ausreichend, weil diese Stoffe sich bei Sucht und Abhängigkeit in krankhafter Weise auf das Gehirn auswirken und den Körper schrittweise zerstören.


! Lesetipp der Redaktion des Reiki Magazins:
Deepak Chopra, „Wonach wir WIRKLICH hungern. Mit der Chopra-Methode Erfüllung finden und dauerhaft abnehmen“, Gräfe und Unzer Verlag, 2014

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Quellenangaben:

(1) Deepak Chopra, „Wonach wir WIRKLICH hungern. Mit der Chopra-Methode Erfüllung finden und dauerhaft abnehmen“, Gräfe und Unzer Verlag, 2014.
(2) Ebenda, S.18
(3) Ebenda, S. 26
(4) Ebenda S. 116

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Copyr. Fotos:
Foto 1 (Pralinen): Africa Studio - Fotolia.com
Foto 2 (Schokolade): Jiri Hera - Fotolia.com
Foto 3 (Schokoladenmasse): volff - Fotolia.com



 

 

 

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