Heilung, Wachstum, Spiritualität - Interview mit OM C. Parkin

Ein Interview mit OM C. Parkin von Oliver Klatt

Der Mystiker, Philosoph und Buchautor OM C. Parkin („Intelligenz des Erwachens“) rief in den 1990er Jahren die erste größere deutschsprachige Mysterienschule der Jetztzeit ins Leben. Oliver Klatt traf ihn auf Gut Saunstorf und führte ein Interview mit ihm.

Oliver: Was ist für dich Heilung?

OM: Im nahe liegenden Sinne, der ja bereits durch die Begrifflichkeit offenbar ist, ein Zustand, in dem ein Mensch – denn ich denke, wir sprechen ja hier von Menschen – jede Form der Suche aufgegeben hat und alle seine im Universum versprengten Teile zurückgekehrt sind.

Im umfassenderen Sinne, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und die Ganzwerdung als ein menschliches Thema beschreiben, dann kommen wir von der Heilung zur Heiligung.

Innere Ganzheit

Die Heiligung des Menschen ... das ist vielleicht eine Möglichkeit, mit einem Begriff aus unserem Kulturkreis zu beschreiben, was die östlichen Traditionen mit Erleuchtung oder Samadhi beschreiben.

Von der Heilung zur Heiligung, das ist bildlich gesprochen die Überquerung des Flusses zum anderen Ufer. Denn Heilung ist noch diesseits. Sie ist jener Zustand innerer Ganzheit, welcher die beste Voraussetzung für die Heiligung ist.

Oliver: Wenn wir nun Begriffe verwenden wie „der Heiler“ und „der Meister“, um die Tätigkeit jener Menschen zu beschreiben, die heilen bzw. spirituell lehren ... siehst du da Schnittmengen? Kann es aus deiner Sicht helfen, solche Begriffe zu verwenden, um sich klarer darüber zu werden, was jeweils getan wird? Oder schafft dies eher Abgrenzungen, die vielleicht als wenig hilfreich empfunden werden könnten?

OM: Heutzutage gibt es so etwas wie eine negative Besetzung des Begriffes „Heiler“. Diese Negativbesetzung ist im archetypischen Sinne eine Fehldeutung. Vieles in unserem Sprachgebrauch ist besetzt durch den kollektiven Bewusstseinszustand der Menschen. Deshalb ist es wesentlich, zur ursprünglichen Bedeutung zurückzukehren – in diesem Falle den Archetypen des „Heilers“ zu entdecken.

Dass der Begriff Heiler so negativ belegt worden ist, hat aus meiner Sicht mit der Überlagerung  jeder Form der Spiritualität durch naturwissenschaftliches Denken zu tun. Mit der Besetzung der Naturwissenschaft durch deren Erhebung in einen gottgleichen Status. Dabei handelt es sich um eine Form der absolutistischen Besetzung der Naturwissenschaft; in diesem Fall der Schulmedizin, der es damit leicht fällt, über unseriöse, unprofessionelle Heiler und Scharlatane herzuziehen, die wiederum diesen Begriff ebenso für sich in Beschlag genommen haben – so dass diese beiden Seiten sich dann die Bälle zuspielen können.

Mir geht es darum, diesen Begriff von der kollektiven Besetzung zu befreien, um ihn im ursprünglichen Sinne wieder als einen Archetypen zu verstehen. Das heißt: Es gibt den Heiler als einen Archetypen, und dieser Archetyp kann durch verschiedenste Praktiken des inneren Weges wieder aus seinem Schlaf geweckt werden.

Die Begriffe Heiler und Meister

Oliver: Und wo siehst du die Unterschiede zum Begriff „Meister“, im Sinne von „spiritueller Meister“?

OM: Der Heiler kann ein Teil des Meisters sein, aber der Meister kein Teil des Heilers. Mit anderen Worten: Ich umschreibe damit ein hierarchisches Verhältnis.

Viele Menschen halten Heilung für die Beschreibung eines Endzustandes im Spektrum des Bewusstseins. Die Evolutionsphilosophie betrachtet Heilung differenzierter und ordnet Heilung dem so genannten involutiven Bogen zu.

Laut der ewigen Weisheitslehre besteht der Kosmos aus aufsteigenden und absteigenden Urbewegungsformen. Dies wird im kleinen Kreislauf des Menschen beispielsweise durch die Kundalinikraft ersichtlich, und im großen Kreislauf durch den Lauf des gesamten Kosmos.

Heilung ist das Ziel des absteigenden Bogens, während Wachstum, Bewusstseinserweiterung das Ziel des aufsteigenden Bogens sind. Die Vereinigungslehre, wie sie auch von mir gelehrt wird, beschreibt nicht Heilung als das einzige Ziel, sondern vielmehr die Vereinigung zwischen zunächst scheinbar gegenläufigen, inneren Bewegungen, Heilung und Wachstum.

Nun gibt es viele Menschen, die sich mit Spiritualität beschäftigen, die sich entweder auf dem absteigenden oder auf dem aufsteigenden Bogen befinden, und die insofern dann auch gegensätzliche, nicht miteinander zu vereinbarende Phänomene beobachten und nicht miteinander zu vereinbarende Vorstellungen haben.

Eine mögliche Definition von Heilung ist die Rückbindung an den eigenen Ursprung, während Bewusstseinserweiterung die Entbindung eines jeden Ursprungs zur Folge hat, was auch mit dem Begriff Transzendenz umschrieben wird. Dies ist aus der Sicht eines persönlichen Denkenden zunächst nicht wirklich miteinander vereinbar, doch das Gehen eines inneren Weges wird diesen Widerspruch früher oder später auflösen.

Oliver: Auf dem Reiki-Weg verwenden wir den Begriff Reiki-Meister/-Lehrer, für jene, die die Seminare geben und die Einweihungen vornehmen, wodurch die Übertragung von Reiki, der spirituellen Lebensenergie, ermöglicht wird. Hier werden also „Meister“ und „Lehrer“, zusammengefasst zu einem Begriff ... wobei manche auch lediglich den Begriff „Meister“ und andere lediglich den Begriff „Lehrer“ verwenden, je nach zugrunde liegender Reiki-Philosophie.

Gleichzeitig tun sich viele in der Reiki-Szene schwer damit, den Begriff „Heiler“ für sich zu verwenden – auch aus den von dir genannten Zusammenhängen heraus. Wobei ich persönlich gar nicht so ein Problem mit dem Begriff „Heiler“ habe, weil ich denke: wenn man diese Begriffe freiräumt von den negativen Belastungen – wie beispielsweise auch den Begriff „Gott“, den ich sehr mag –, wenn man also solche Begriffe von dem freiräumt, was sie negativ besetzt, dann kann man sie auch unbelastet verwenden. Ich sehe es – vielleicht ähnlich wie du – so, dass man sich nicht von jenen, die negative Aspekte mit solchen Begriffen verbinden, davon abhalten lassen sollte, diese zu verwenden, wenn es für einen selber passt.

Um noch einmal zurückzukommen zu der Frage bzw. dem Spannungsverhältnis zwischen „Heiler“ und „spiritueller Meister“: Meine Erfahrung ist, dass es eben manchmal, gewissermaßen als Voraussetzung für den spirituellen Weg, eines Mindestmaßes an Heilung bedarf, bevor dieser valide gegangen werden kann.

Und gleichzeitig kann man es sicher auch mit der Fokussierung auf Heilung etwas „übertreiben“ – und sollte sich dann vielleicht, wie du sagst, dem aufsteigenden Bogen mehr zuwenden. Wobei ja auch die Frage ist: Was ist gerade dran? Bei demjenigen, der den Weg geht. Was ist jeweils nötig? Wie siehst du das?

Geistige Heilung, Psychosomatik & Positives Denken

OM: Aus der Sicht des Absoluten gibt es so etwas wie geistige Heilung gar nicht. Sie findet lediglich in der geistigen Blase statt, in der dieser Mensch lebt. Die Heilprozesse sind Teil seiner Blase, selbst die Bewusstseinserweiterungen seiner Blase sind Teil seiner Blase. Eine geistige Heilung gibt es von einem höchsten Standpunkt aus betrachtet nicht mehr, weil etwas, das nicht real ist, auch nicht heilen muss.

Dass es körperliche und auf den feinstofflichen Körper bezogene Heilprozesse geben wird, solange dieser Körper existiert, selbst ohne die hemmenden Einflüsse eines Ich-Geistes, darauf weise ich immer wieder hin. Das lässt sich nicht vermeiden, denn dieser Körper ist ein vergängliches Instrument, welches dem Verfall ausgesetzt ist. Deshalb kann es auch nur eine relative Gesundheit geben.

Absolute Gesundheit kann es nur im Geistigen geben. Im Körperlichen – wie auch im feinstofflichen Körper – kann es sie nur relativ geben. Das Konzept der Psychosomatik hat Grenzen. Es kann nicht erklären, warum ein erleuchteter Meister beispielsweise an Krebs erkrankt. Es gibt ja mehrere Advaita-Meister in Indien, auf die das zutrifft.

Auch die Psychosomatik ist, wenn sie absolutistisch verstanden wird, ein Fehlkonzept. Sie ist begrenzt und versucht, kausale Zusammenhänge zwischen Geist und Körper festzulegen, die aber nur innerhalb eines bestimmten Rahmens Gültigkeit haben.

Oliver: Dasselbe gilt ja auch für das Positive Denken ... was „aus der zweiten Reihe heraus“ zwar eine gute Sache ist, wie ich meine, aber insgesamt oft übertrieben und überschätzt wird in seiner Bedeutung, in der esoterischen Szene ...

OM: Das Positive Denken ist der Versuch, „eine versalzene Suppe durch Zucker zu neutralisieren“. Dies kann nur von vorübergehender Wirkung sein.

Oliver: Wenn etwas versalzen ist, dann ist es schwierig, damit umzugehen. Wenn ich mir etwas koche, und dann, weil es ein bisschen zu scharf geworden ist, einen Löffel Zucker hinzufüge, dann kann das schon etwas Schärfe herausnehmen, so ist meine Erfahrung. Aber wenn es zu sehr verwürzt ist, dann hilft dies auch nichts ...

Sehr gerne würde ich noch einmal auf das Thema Heilung zurückkommen, um darüber noch mehr von dir zu erfahren. Du hast Heilung einmal den „weiblichen Aspekt des Erkenntnisweges“ genannt. Kannst du mehr dazu sagen?

Urbewegungen des Kosmos

OM: Die zwei Urbewegungen des Kosmos, von denen ich sprach, sind im Yin-Yang-Symbol zu erkennen: die dynamische Umarmung polarer Grundprinzipien, die jeweils einen Tropfen des gegenteiligen Prinzips in sich tragen.

Dies ist kein theoretisch-abstraktes Konzept, sondern eines, das sich in die Details der Wirklichkeit übertragen lässt – sodass hier tatsächlich der Begriff der Heilung mit der Yin-Kraft in Verbindung steht. Während der Begriff des Wachstums, den ich der Heilung gegenüberstellte, mit der Yang-Kraft verknüpft ist, mit einer kosmischen Urkraft, aus der bestimmte Bewegungen hervorgehen.

Diese beiden Urformen, Wachstum und Heilung, können sich im Bewusstsein des Menschen wiedervereinen. Wir können also tatsächlich alle Methoden des gesamten spirituellen Weges in zwei Bereiche einteilen, und können alles davon primär entweder der einen oder der anderen Kraft zuordnen. Und alles, was sich mit Heilung befasst, ist dem weiblichen Aspekt des Weges zugeordnet – wobei „weiblich“ ein Begriff ist, den ich nur unter Vorbehalt verwende, weil viele Menschen, wenn sie den Begriff „weiblich“ hören, denken, es handele sich um einen geschlechtsspezifischen Begriff. Dabei geht es hier vielmehr um Urprinzipien, und diese sind nicht menschlich, sie sind kosmisch.

Ich empfinde diese große Einordnung als sehr bedeutsam, auch um Orientierung zu finden bei der Frage: Wo befinde ich mich eigentlich mit diesem Thema der Heilung? Wo befinde ich mich da, im großen Spektrum des Bewusstseins? Wo befinde ich mich auf dem Weg? Und was deckt das ab? Und was deckt es eben nicht ab?

Esoterik & Schattenarbeit

Der Begriff „Esoterik“ ist ja ein sehr verwaschener Begriff und wird heute meist zur Bezeichnung von etwas gebraucht, was er ursprünglich gar nicht meint. Jedoch, die Abwertung der „Esoterik“ aus der Perspektive wissenschaftlichen Denkens ist zu einem nicht unerheblichen Teil natürlich auch berechtigt – weil tatsächlich das, was unter dem Begriff der „Esoterik“ firmiert, meist eine Form regressiver Spiritualität beschreibt. Und diese setzt sich zwar einerseits tatsächlich mit Heilung auseinander, verfehlt aber andererseits oft – aufgrund der Fixierung auf die Yin-Kraft – den gesamten anderen Aspekt, nämlich jenen des aufsteigenden Bogen; sodass, wenn jemand sich nur mit Heilung beschäftigt und den Aufstieg des inneren Weges nicht kennt, das Ergebnis dann eine Form regressiver Spiritualität ist. Das macht es den aufgeklärten, wissenschaftlich denkenden Menschen so einfach, „Esoterik“ einfach mit Spiritualität gleichzusetzen und diese dann entsprechend ins Lächerliche zu ziehen.

Oliver: Du sprichst damit einen wichtigen Punkt an. Ich sehe in diesem Zusammenhang bei manchen beispielsweise Zustände des Ungeerdet-seins oder auch des Übergriffig-seins ... oder eben der Regression, wie du sagtest.

OM: Was genau, meinst du, führt in diese Zustände?

Oliver: Ich meine, wenn man sich, sagen wir „übertrieben“ mit Heilung befasst, und damit „übertrieben“ auf dem, wie du sagst, absteigenden Bogen unterwegs ist, und deshalb den anderen, aufsteigenden Bogen nicht ausreichend integriert hat, dann sind meiner Erfahrung nach derartige Zustände bei solchen Menschen oft zu beobachten ... also beispielsweise auch eine Konfusion bei der Frage: Wer bin ich? Wer ist der andere?

Was ich meine ist: Natürlich sind wir auf irgendeiner Ebene alle eins. Aber wenn man sich diese Situation hier gerade einmal anschaut, dann sitze ich hier, und du dort, und wir sind zwei verschiedene Menschen und diese Spannung, die sich aus diesem Paradox heraus ergibt, gilt es ja auch auszuhalten. Was meiner Beobachtung nach manchen Menschen schwer fällt, die sich „übertrieben“ mit Heilung befassen.

OM: Ich weiß nicht, ob ich diesbezüglich „Ungeerdet-sein“ als den passenden Begriff sehen würde, aber ich glaube ich weiß, was du meinst. Und du hast auch noch einen anderen Begriff genannt, nämlich den Begriff der Übergriffigkeit. Wenn man dazu einiges zusammentragen würde, dann käme man vermutlich auf Phänomene eines Ichs, das Formen der Verweiblichung verfallen ist.

Übergriffigkeit ist ein klassisches Schattenphänomen eines verweiblichten Ichs. Übergriffigkeit ist dem Schatten der Mutter zuzuordnen.

Aber was das Thema „mangelnde Erdung“ angeht, so weiß ich nicht, ob du nicht vielmehr „mangelnde Abgrenzung“ meinst ... denn in gewisser Weise findet auf dem absteigenden Bogen eigentlich eher eine „Über-Erdung“ statt. „Über-Erdung“ in dem Sinne, dass es sich hier um eine Bewegung handelt, die eigentlich in den Körper zurückführt – dies, um im Innersten der Materie die Verwurzelung des Seins wiederzufinden.

Channeling & Trance

Oliver: Ich verstehe, was du meinst. Was ich meinte, ist: Wer primär diesen Weg der Heilung geht, der hat oft auch mit sehr hohen Energien zu tun, die er – häufig auch nur zeitweise – verkörpert, gewissermaßen „channelt“ und weitergibt an Andere ... und wenn diese Vorgänge nicht ausreichend integriert werden, kann das zu Ungeerdet-sein führen.

OM: Okay ... aber Channeling an sich ist eigentlich kein Phänomen des absteigenden, sondern eher des aufsteigenden Bogens.

Oliver: Und Channeling von Heilenergien wäre dann eine Synthese aus beidem?

OM: Sag mir ein Beispiel.

Oliver: Viele Heiler, und ich selbst gebe ja auch Heilbehandlungen und Einweihungen und dies trifft auch auf mich zu, haben dabei nicht das Gefühl, dass sie diese Energie selber in sich produzieren, also willentlich in sich erzeugen; dies gilt zumindest für die meisten traditionell orientierten Methoden, meiner Beobachtung nach. Sondern dieser Vorgang wird vielmehr von vielen Heilern so wahrgenommen, dass dabei etwas „übermittelt“ oder „transportiert“ wird, was sie durch ihre Offenheit ermöglichen, für die Übermittlung von Heilenergie oder das Geben einer Einweihung.

OM: Es ist einfach eine Beschreibung eines transparenten Zustands dieses Organismus, dieses Körper/Verstand-Systems; eines natürlichen Zustands, der in jedem Augenblick existent sein könnte.

Woher Menschen Gedankenformen empfangen, wissen sie nicht. Es könnte sein, dass sie vermeintlich unspektakuläre oder sehr gewöhnliche Gedankenformen von einem Ort erhalten, von dem sie auch diese sehr außerordentlichen, außergewöhnlichen Heilkräfte erhalten, im betreffenden Moment. Es ist keinesfalls sicher, dass es sich dabei um außergewöhnliche Channeling-Phänomene handelt. Vielmehr möchte ich anmerken, dass es sich dabei auch lediglich um den Einblick in einen natürlichen Zustand handeln könnte, wobei im jeweiligen Moment die Heilkräfte ihrem Wesen nach vielleicht nicht unterschiedlich sind von einem vermeintlich gewöhnlichen Zustand eines vermeintlich alltäglichen Augenblicks.

Oliver: Eine interessante Sicht

OM: Was das Konzept des „Channelns“ angeht – und dabei beziehe ich mich nicht auf die Vorstellung, Heilenergien zu channeln, sondern ganz allgemein auf die Identität eines Channels an sich – so impliziert ja dieses Konzept die Vorstellung, dass jemand in einem bestimmten Zustand, in einem Trancezustand Botschaften aus einer angeblich „geistigen Welt“ erhält, während er danach, ja ... in was für einen Zustand eigentlich zurückkehrt?

Natürlicher Zustand

Ein natürlicher Zustand, der in der östlichen Tradition auch als ein Zustand des Im-SELBST-Ruhens beschrieben wird, ein meditativer Zustand, ist kein Zustand, der kommt und geht. Dies ist auch kein Zustand, der abhängig ist von bestimmten Phänomenen, die einströmen oder nicht einströmen. Ein Moment, in dem Heilkräfte wirken, ist dem Wesen nach identisch mit irgendeinem anderen, vermeintlich gewöhnlichen Augenblick. Es gibt keinen Unterschied.

Und es ist eine Illusion des „Channelns“, zu meinen, es würde da einen Moment eines offenen Zustandes geben, in dem Botschaften aus einer jenseitigen Welt empfangen werden, und im nächsten Augenblick ... Ja, was passiert denn da eigentlich? Ein spiritueller Meister würde dem „Channel“ gegenüber vielleicht anmerken: „Mich interessiert nicht so sehr dein Channeling, sondern mich interessiert vielmehr das Ende des Channelings. In was für einen Zustand glaubst du da eigentlich wieder zurückzukehren?“

Oliver: Interessant, es so zu sehen ... da geht es dann auf einmal um die Frage: Wer bin ich?

– Kurze Pause –  

Du hast einmal an anderer Stelle gesagt, dass es nach einer größeren spirituellen Öffnung oft zu so etwas wie einer Gegenbewegung kommt. Könnte das in die Richtung dessen gehen, was du gerade andeuten wolltest? Wenn ich nicht dauerhaft in einem erleuchteten oder erwachten Zustand sein kann, stellt sich ja, wie du eben richtig sagtest, die Frage: Was passiert denn, wenn ich dann vermeintlich nicht mehr in diesem Zustand bin? Was würdest du sagen, wenn ich sage: Ich kann diesen Zustand, aus meiner Perspektive betrachtet, nicht dauerhaft halten? Kannst du mir sagen, wo ich dann bin? Oder Hinweise hierzu geben?

Plötzliche Bewusstseinsexplosion

OM: Nehmen wir an, ein unbedarfter Mensch erfährt, ohne jegliches Vorwissen, durch Gnade eine plötzliche Bewusstseinsexplosion oder -implosion in einem Augenblick – und es gibt in der Literatur durchaus Berichte über derartige Vorkommnisse, eine augenblickliche, unvorhergesehene, vollkommen Ich-lose Dimension, frei von Begrenztheit – dann ist es, und ich drücke mich jetzt vorsichtig aus, mehr als sehr wahrscheinlich, dass diese Erfahrung zu Ende gehen wird.

Vielleicht wird sie einige Minuten andauern, vielleicht einige Stunden, Tage oder Wochen, wir wissen es nicht. Alles, was ich prophezeie, ist, dass sie zu Ende gehen wird.

Warum wird sie zu Ende gehen? Weil – und das ist eine wichtige Unterscheidung – Erfahrungen nicht gleich Erkenntnisse sind. Und weil eine dauerhafte Realisation, von der die Meister berichten, nicht identisch ist mit jenen so genannten Erleuchtungserfahrungen, welche nicht selten sind und die von vielen dann für „Erleuchtung“ gehalten werden.

Oliver: Dabei muss ich an das Mädchen Bernadette denken, dem die Jungfrau Maria erschienen ist, in Lourdes, Mitte des 19. Jahrhunderts. Dies ist ja auch so ein Fall, wo jemand sehr außergewöhnliche Erscheinungen hatte – ich habe mich einmal eingehender damit beschäftigt –, wo offenbar echte „Wunder“ geschehen sind. Während Bernadette dann im späteren Teil ihres Lebens, den sie überwiegend in einem Kloster verbrachte – so wie du es gerade beschriebst –, diese „wundervollen“ Zustände in keiner Weise halten konnte und dann auch sehr viel Leid erfahren hat.

Spirituelle Gipfelerfahrungen & der innere Gegner

OM: Diese Erzählung mag beispielhaft für die Geschichten vieler Menschen unserer Zeit mit spirituellen Gipfelerfahrungen gelten. Dass die Erfahrungen nicht nachhaltig sind, hat mit der mangelnden Kenntnis über den inneren Gegner zu tun. Tatsächlich scheitern die meisten (angehenden) Schüler an ihrer Unkenntnis des Gegners, sie wissen nicht, mit wem sie es da zu tun haben. Ich habe in den 25 Jahren, die ich nun schon als Lehrer tätig bin, viele Erfahrungen mit Menschen gesammelt, die aufgrund ihrer Naivität oder ihrer Arroganz gescheitert sind am inneren Gegner, und somit nicht in der Lage waren, diesen Gegner wirklich zu stellen, damit er sich zu erkennen gibt.

Ich verwende eine uralte poetische Bilderfolge des Weisheitsweges, um die universell gültigen Phasen dieses Weges zu beschreiben, nämlich die Ochsenbilder des Zen. Die erste Hälfte dieser Ochsenbilder befasst sich ausschließlich mit dem Umgang mit dem inneren Gegner, nachdem er gefunden wurde – und mit der Wandlung dieses inneren Gegners.

Oliver: Du sprichst von einem inneren Gegner ... hast du konkrete Hinweise, aus deiner Erfahrung heraus, wie man mit diesem inneren Gegner umgehen kann, wenn er einem begegnet?

OM: Die gesamte Weisheitslehre, gleich welcher Tradition, fußt auf der Unterscheidung zwischen Realität und Illusion, Ich und Nicht-Ich: Zwischen einem wahren ICH und einem angenommenen Fremd-Ich. Dieses wahre ICH nennen wir in unserer Tradition auch die Seele. Die notwendige Unterscheidungskraft vermittelt der innere Weg, die innere Schulung – und wer diese Unterscheidungskraft nicht besitzt, der wird keine Abgrenzung zum inneren Gegner finden.

Erkenntnis oder Praxis?

Oliver: Was hilft am meisten? Erkenntnis? Oder Praxis? Mir hilft, seit Jahrzehnten, dass ich eine spirituelle Praxis habe, die bei der Reiki-Methode in der täglichen Selbstbehandlung besteht. Fügt man sich aber ausschließlich immer wieder „nur“ Lebensenergie zu, ist man vielleicht „übertrieben“ auf dem absteigenden Bogen unterwegs, und es mag an Erkenntnissen fehlen.

Was, würdest du sagen, ist das Wichtigste? Eine tägliche – oder sehr regelmäßige – spirituelle Praxis auszuüben? Oder würdest du sagen: Die Erkenntnisse, die zu einem Aufsteigen des Bewusstseins führen können, sind wichtiger als das?

OM: Das Gehen mit einem inneren Lehrer ist für die meisten Menschen ausreichend. Wer will den Weg bis zu Ende gehen? Wer will Erleuchtung? Wer den Weg zu Ende gehen will, wird mit dem inneren Lehrer früher oder später an Grenzen stoßen, das haben Erfahrungen von Generationen von Schülern bereits gezeigt.

Eine innere Praxis ist für Menschen des Weges zwingend vonnöten, sie ist ein fester Bestandteil des Weges, sie ist das, was ich das „heilige Werk eines Menschen“ nenne, sie ist die wesentliche Arbeit eines Menschen auf Erden. Aufgrund von Selbstvergessenheit ist diese innere Arbeit, dieses innere Werk fast vollständig durch ein Äußeres ersetzt worden. Das ist eine tragische Angelegenheit! Was zu entsprechender Überproduktivität im Äußeren führt, bei gleichzeitiger Unterproduktivität des inneren Weges – weil die Menschen das versäumen zu tun, was schlicht ihre Hausaufgaben wären.

Und ich sage das auch zu meinen Schülern ... ich habe Schüler, denen ich immer wieder sagen muss, dass sie ihre Hausaufgaben nicht erledigen. Dies ist also nichts, was nur völlig unbedarfte Menschen betrifft, sondern dies ist Ausdruck der tiefsten der drei Geistesgifte, welche die Menschen zu sich nehmen: der Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit durchdringt alle inneren Ebenen eines Menschen. Sie ist ein Werkzeug des inneren Gegners, welches wir zu bezwingen haben.

Innere Praxis & Prana

Und die innere Praxis, auf der Ebene von Prana, erhöht das mir zur Verfügung stehende Niveau an Energie, während es dem Gegner sukzessive Energie entzieht.

Eines der wesentlichen Themen des Umgangs mit dem Gegner besteht darin, dass man lernt, sich die Kraft des Gegners zu eigen zu machen. Man lernt, sich die Kraft des Gegners zurückzuholen. So dass die Kraft nicht mehr beim Gegner ist, sondern bei mir.

Oliver: Dies ist ein großes Thema ... Im Rahmen meiner Reiki-Meister-Ausbildung, die über fünf Jahre ging, habe ich mehrfach an Aikido-Workshops teilgenommen, bei meinem ausbildenden Meister. Was du gerade geschildert hast, erinnert mich sehr an das, was ich bei der Ausübung dieser Kampfsportart erfahren habe. Dabei ist man am Ende derjenige, der noch steht, wenn man sehr flexibel ausweichen kann und schließlich die Kraft des angreifenden Gegners dazu nutzt, ihn selbst zu Boden zu bringen.

OM: So ist es auch in der inneren Kampfkunst der inneren Praxis.

Oliver: Die Praxis ist also eine sehr essenzielle Säule des spirituellen Weges, so habe ich dich verstanden ...

OM: Ohne innere Praxis gibt es für die allermeisten Menschen unserer Kultur keinen inneren Weg.

Oliver: Magst du vielleicht abschließend noch die Gelegenheit nutzen, um in wenigen Worten – im Rahmen dessen, was möglich ist –, über das hinausgehend, was wir bereits besprochen haben, noch einmal zusammenfassend zu sagen, was wirklich ganz oben auf der Liste stehen sollte, wenn man den spirituellen Weg geht?

Demut

OM: Demut. Und bedingungsloser Gehorsam der Seele gegenüber. Demut ist in der Seele bereits vorhanden und muss nicht erworben werden. Sie muss vielmehr freigelegt werden. So wie alles, was in der Seele bereits vorhanden ist. Eitelkeit ist eines der ganz großen Hindernisse. Und Eitelkeit ist von sehr viel umfassenderer Natur, als die meisten Menschen glauben. Eitelkeit und Demut schließen sich aus.

Bedingungsloser Gehorsam der Seele gegenüber ist bei den Menschen zunächst nicht gegeben. Zum Teil aus offenem oder verheimlichtem Ungehorsam, zum Teil aus noch nicht vorhandener Unterscheidungskraft. Gehorsam sind alle Menschen. Jeder ist gehorsam. Ich könnte sogar so weit gehen und sagen: Jeder ist demütig. Die Frage ist nur: wem oder was gegenüber?

Es geht also nicht wirklich darum, den inneren Weg vom Ungehorsam zum Gehorsam zu finden, oder von der Arroganz zur Demut. Es geht darum, mittels der Unterscheidungskraft zum Gehorsam dem wahren Lehrer gegenüber zu finden. Und das ist eine Aufgabe, die erfordert, durch das eigene Labyrinth zu gehen, welches einem Spiegelkabinett der Illusionen gleicht.

Dazu möchte ich Almaas zitieren, einen anderen Lehrer, der aus Kuwait stammt und in Amerika eine große innere Schule leitet, die vielleicht mit der inneren Schule hier vergleichbar ist. Er sagt zu den Menschen: „Wenn ihr einfach nur ein Same eures Potenzials bleiben wollt, dann benötigt ihr keine Innere Arbeit, keine innere Praxis. Erst wenn ihr zu einer – im natürlichen Sinne – übermenschlichen Vervollkommnung dieses Potenzials finden wollt, erst dann benötigt ihr diese innere Praxis.“

Oliver: Ich danke dir für das Interview.

 

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Das Interview fand in persönlicher Begegnung statt, auf Gut Saunstorf, im Januar 2018.

 

Gut Saunstorf – Ort der Stille ist ein modernes Kloster, ein Ort des Rückzugs und der Einkehr. Hier lebt eine Klostergemeinschaft und lehrt der Weisheitslehrer OM C. Parkin. Seit dem Jahr 2010 existiert das Gut Saunstorf in der Nähe von Wismar als klösterlicher Ort der Stille. Hier ist aus der einsturzgefährdeten Ruine eines Gutshauses ein Ort entstanden, dessen Anmut und Stille nicht nur der Klostergemeinschaft, sondern allen Interessierten offensteht. Er versteht sich als Einladung an alle, die Ruhe finden und sich in der inneren Einkehr mit dem wahren Selbst auseinandersetzen wollen. Ein „sakraler Ort: großzügig in seinem Äußeren, zurückgezogen in sein Innerstes“. Als Klostergast findet man hier Einkehr und innere Stille; je nach Wunsch für sich alleine, mit körper- oder gesprächstherapeutischer Begleitung oder bei einem der zahlreichen Angebote des Hauses.

Weitere Informationen: www.kloster-saunstorf.de

 

 

 

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