Omi Meiers Weg zu Gott

Die Siegergeschichte des Schreibwettbewerbs, von Petra Möller

Der kürzlich veranstaltete Schreibwettbewerb des Reiki Magazins war ein voller Erfolg. Mehr als 60 Geschichten zum Thema „Mein schönstes Reiki-Erlebnis“ gingen uns zu. Mehr als die Hälfte davon werden wir in den nächsten Jahren veröffentlichen - so tief berührt hat uns die Vielzahl dieser Geschichten. Die Jury, bestehend aus Hape Kerkeling, Prof. Dr. med. Günter Gunia (TCM-Experte), Monika Jünemann (Windpferd Verlag), Claire Fisher (Naturkosmetik-Unternehmerin) sowie Jürgen Kindler und Oliver Klatt vom Reiki Magazin, wählte die folgende Geschichte auf den ersten Platz. Die Autorin, Petra Möller, wurde auf der 10-Jahresfeier des Reiki Magazins im Juni 2007 in Berlin geehrt. Hier ihre Siegergeschichte „Omi Meiers Weg zu Gott“:


Meine Geschichte handelt von Omi Meier - einer kleinen, bemerkenswerten Person, die alles in sich vereinte, was wahres Menschsein ausmacht. Frohsinn, Dankbarkeit, Liebe und Weisheit, gepaart mit oft bissigem Humor und dem ständigen Drang, Neues zu erfahren, zu erleben.

Erste Begegnung

Schon meine erste Begegnung mit ihr war etwas ganz Besonderes. Ein Freund von mir, der im Altersheim ein Praktikum machte, erzählte ihr von meiner Arbeit mit Reiki, und sie bat um eine Behandlung. Zum vereinbarten Termin lief ich, nach ihrem Zimmer suchend, über den langen, sterilen Flur des Altenheims. Plötzlich hörte ich ein herzliches Lachen, und eine Stimme rief fröhlich: „Kuckuck, hier bin ich!“. Da stand sie am Gehwagen und lächelte mich mit 89 Jahren Lebensfreude im Gesicht an. Noch nie hatte ich bei einem alten Menschen so junge, strahlende Augen gesehen.

Bereits nach der Begrüßung hatten wir beide das Gefühl des absoluten Vertrautseins. Ihre erste Reiki-Behandlung verschlief Omi Meier. Innerhalb weniger Minuten versank sie im Tiefschlaf. Während der Behandlung sah ich immer wieder in ihr friedliches Gesicht, und mir wurde klar, wie viel Schönheit es trotz des Alters widerspiegelte. Sie zu wecken, war schwierig. Schließlich schaffte ich es doch auf sanfte Art. Sie seufzte tief, lächelte, und dann rollten ein paar Tränen über ihre runzligen Wangen. „Noch nie war ich Gott so nahe“, sagte sie, „Mädchen, das war vielleicht schön.“

Gott in der Natur

Ich schluckte meine eigenen Rührungstränen hinunter, und wir tranken gemütlich eine Tasse Tee zusammen. Sie erzählte mir, dass sie immer gläubig war. Doch in die Kirche mochte sie nicht. Ihre persönlichen Begegnungen mit Gott fanden früher in der Natur statt. Sie liebte den Wald und besaß damals auch einen kleinen Garten. Doch jetzt hatte die schwere Diabetes ihr Augenlicht beeinträchtigt und vor allem ihre Füße. An manchen Tagen spürte sie diese kaum noch. Sie sagte: „Die beste Krankheit taugt nichts, aber ich jammere nicht. Schließlich bin ich sehr alt geworden und jeden Tag dankbar, dass mein Grips noch funktioniert. Ich tue denen hier nicht den Gefallen und verblöde.“ Sie lachte wieder, auf diese herzliche, junge und freche Art.

Herzhafter Humor

Von diesem Tag an behandelte ich Omi Meier einmal pro Woche und freute mich auf jeden Besuch. Die Reiki-Anwendungen taten ihr sehr gut. Sie war nicht mehr so müde, ihre Füße kribbelten oft und zeigten wieder Leben. Meistens blieb ich danach noch etwas bei ihr, und sie erzählte mir spannende und oft lustige Geschichten aus ihrem Leben. Ich lachte Tränen, wenn sie die Mitbewohner des Heims imitierte, manchmal sogar höchst theatralisch, in ostpreußischem Dialekt. „Alles Jammerlappen“, sagte sie. „Hätten lieber öfter mal einen ordentlichen Köhm (plattdeutsch: Schnaps) trinken sollen, anstatt ständig nur von Krankheiten zu quasseln!“

Und so kam es, dass ich mich regelrecht in Omi Meier „verliebte“, in ihren herzhaften Humor und ihr Lachen, sowie auch in diese tiefe Demut und Dankbarkeit der geistigen Welt gegenüber. Ich lernte unglaublich viel von dieser kleinen, alten Frau.

Neue Reiki-Schülerin

Eines Tages kam ich zu Omi Meier, und irgendwie benahm sie sich anders, fast nervös. Die Behandlung hatte auch nicht die Tiefe wie sonst. Ich sprach sie darauf an und erntete ein verschmitztes Lächeln. „Merkst auch alles, Mädchen. Ich möchte dich etwas fragen, aber halte mich alte Frau nicht für total verrückt. Meinst du, ich könnte Reiki auch noch lernen? So richtig? Wäre ja nur für mich.“ Mir blieb die Luft weg, aber nicht vor Entsetzen, sondern aus Hochachtung. „Klar doch“, sagte ich begeistert, „das traue ich Ihnen ohne Weiteres zu.“ Und ich drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Wir vereinbarten einen Termin zur Einweihung.

Einweihung

Zu Hause nahm ich mir die Arbeitsmappe des ersten Reiki-Grades vor und stellte sie für Omi Meier neu zusammen. Da sie sehr schlecht sehen konnte, druckte ich alles noch einmal in extra großer Schrift aus. Die langen Erklärungen über die Reiki-Lebensregeln ließ ich weg, da meine neue Schülerin diese bereits seit vielen Jahrzehnten vorbildlich lebte. Ihre Urkunde gestaltete ich mit besonderer Liebe und kaufte gleich einen schönen Rahmen dazu. Eins wusste ich mit Sicherheit: Omi Meier würde sie ihren Heim-Mitbewohnern voller Stolz präsentieren. Ich lächelte und gönnte ihr diesen Spaß von Herzen.

Am Tag der Einweihung war ich richtig aufgeregt. Omi Meier ebenso. Sie stand schon am Fenster, als ich kam, und winkte fröhlich. Erst zeigte ich ihr, wie man bei der Selbstbehandlung die Hände auflegen sollte und las ihr das theoretische Wissen vor. Sie stellte viele Fragen und nahm alles mit großem Elan und Freude auf. Die Einweihung danach war für mich bis zum heutigen Tage die Schönste und Feierlichste in meiner gesamten Reiki-Praxis. Mich durchströmte eine Liebe und Wärme, wie ich es noch nie erlebt hatte. Die gesamte geistige Welt brachte wohl damit ihre Freude zum Ausdruck. Im Anschluss saßen wir noch gemütlich beim Tee zusammen, und Omi Meier erzählte mir ihre Eindrücke. Diesmal ließen wir beide den Rührungstränen freien Lauf.

Foto: Jürgen Kindler

Helles Licht

Als erstes hatte Omi Meier ein ganz helles Licht gesehen, und dann plötzlich ihren verstorbenen Mann. Er strahlte vor Liebe und nickte ihr zu. Dann ging er, und sie spürte die Präsenz der Engel und Gott. Ebenso wie ich, hatte auch Omi Meier diese Wärme und Liebe empfunden. Nun war es an der Zeit für mich zu gehen. Ich bot meiner Lieblings-Omi an, mich bei auftretenden Fragen anzurufen, aber sie lächelte nur und sagte: „Ich weiß, was ich wissen muss. Ich werde Gott jeden Abend danken, dass er dich zu mir geführt hat.“ Wir umarmten uns, und ich ging mit einem Kloß im Hals nach Hause. Wieder einmal musste ich lernen, loszulassen.
Omi Meier würde ihren Weg gehen, ich ließ sie gut beschützt zurück.

„Das schönste Geschenk...“

Fast ein ganzes Jahr später, ich traute meinen Augen nicht, trafen wir uns im Supermarkt wieder. Sie sah mich zuerst und rief lautstark über sämtliche Gefriertruhen hinweg: „Huhu, mein Schätzchen.“ Es ging Omi Meier glänzend. Sie erklärte stolz, wie wunderbar es für sie sei, mit Reiki zu arbeiten. Täglich gönnte sie sich eine Behandlungsstunde.

Ihre Füße hatten wieder Leben, und sie fühlte sich stark und ausgeglichen. Dann sagte sie mit Tränen in den Augen: „Jeden Tag komme ich Gott ein Stück näher. Reiki ist das schönste Geschenk, das ich in meinem Leben bekommen habe. Dafür bin ich immer wieder unendlich dankbar.“

Tiefer Frieden

Schon kurze Zeit nach unserer letzten Begegnung erfuhr ich, dass Omi Meier nun für immer nach Hause gegangen war. Sie entschlief in ihrem Bett, mit einem sanften und glücklichen Lächeln im Gesicht. In tiefem Frieden hatte Omi Meiers Seele sich aus ihrem Körper gelöst. Ich zündete zu Hause eine Kerze für diese wunderbare Frau an, in Dankbarkeit für alles, was ich durch sie lernen durfte, und wünschte ihrer Seele eine gute Reise. In der Nacht darauf sah ich sie im Traum. Sie tanzte barfuß und fröhlich auf einer Wiese. Morgens erwachte ich mit ihrem herzhaften Lachen im Ohr und der Gewissheit, dass Omi Meier Gott begegnet war.

In Leichtigkeit

Ich denke noch sehr oft in Liebe an meine älteste Reiki-Schülerin. Ihre Art, alles im Leben dankbar anzunehmen - mit einer gehörigen Portion Lebensfreude, Humor und tiefem Urvertrauen - hat für mich persönlich Vorbildcharakter. Ich nenne es natürliche Spiritualität.

Omi Meier besitzt für immer einen Ehrenplatz in meinem Herzen. Dort tanzt sie lachend und in Leichtigkeit über eine blühende Sommerwiese.

Petra Möller, geb. am 9.5.1968 in Schwerin, verwitwet, eineTochter (19), seit 2000 auf dem Reiki-Weg, arbeitet zusätzlich als Channel-Medium und Trauerbegleiterin. „Ich schreibe für mein Leben gern Kurzgeschichten und Märchen. Momentan bin ich im Umbruch, da ich Ende Oktober aus ‚Liebesgründen’ nach Bayern an den Ammersee ziehe und dort auch arbeiten werde.“

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