Die Legende von Ledger

Anna Twinney, international anerkannte Pferde-Spezialistin, Tierkommunikatorin und Reiki-Meisterin, erzählt die Geschichte von Ledger, einem kastanienbraunen Wallach, der von einem Blitz getroffen wurde.

Der Wind wurde stärker. Noch einer dieser typischen Stürme, die sich im Sommer in den Ausläufern der Rocky Mountains oft zusammenbrauen, dachte ich bei mir. Von dem hoch gelegenen Wüstenplateau aus, wo das Horse Rescue* liegt, konnten wir den Sturm kommen sehen, mit seinen dunklen, verwirbelten Wolken. Im selben Moment schien ein kleiner Sonnenstrahl direkt auf uns herab, während die Kursteilnehmer und ich uns gerade auf den Weiden mit den Pferden unterhielten. Meist zogen die Stürme ohne besondere Vorkommnisse an der Ranch vorbei, so als würden der Regen, der Donner und die Blitze wie von göttlicher Hand am Fuße des Berges entlang gelenkt – und wir hier oben bekamen nur den starken Wind zu spüren und einen Hauch der kräftigen Niederschläge, die sich ein paar Meilen weiter ergossen. Aber dieser Tag war nicht typisch. Und dieser Sturm würde nicht vorüberziehen, ohne eine deutliche Marke zu hinterlassen; eine Marke, die wir nicht so schnell vergessen würden.

Stille Momente

Es war die erste Woche eines Holistic Horse Certification Course, und seit einigen Stunden war ich damit beschäftigt, den Kursteilnehmern mein Wissen über die „Pferde-Etikette“ weiterzugeben. Mehr als 50 Pferde sind hier auf der Ranch zu Hause, und dies war die Gelegenheit für uns, ihnen etwas zurückzugeben – indem wir ihre Pferdesprache lernten. Der Kurs hatte erst vor ein paar Tagen begonnen, aber ich konnte bereits sehen, wie die Teilnehmer sich mit den Pferden unterhielten, wie sie Gedankenmuster erkannten, die Körpersprache verstanden und energetische Interaktionen. Zu sehen, wie sie innerhalb der Gehege auf die Pferde zugehen, wie sie stille Momente mit ihnen teilen und dabei von den Pferden erkannt und akzeptiert werden, erfüllt mich jedes Mal zutiefst. Und die Freude, die sich auf ihren Gesichtern zeigt, berührt mich.

Gerade wollte ich zeigen, wie man mit wilden Mustangs interagieren kann, um einige Feinheiten der Pferdesprache zu verdeutlichen, als ich bemerkte, dass die Volontäre hier auf der Ranch eine halbe Stunde früher als erwartet mit der Pferdefütterung begonnen hatten. Um die Pferde nicht bei ihrem täglichen Ritual zu stören, entschied ich mich für Plan B. Wir gingen also zurück in den Unterrichtsraum, für eine andere Lektion. Dabei versuchte ich lediglich, so effizient wie möglich mit unserer Zeit umzugehen. Mir war nicht bewusst, dass diese Entscheidung später als Teil einer Reihe von synchronisierten Ereignissen würde gesehen werden können, die zu einem außerordentlichen Vorfall führten.



Im Unterrichtsraum stand ich mit dem Rücken zum einzigen Fenster des Raumes, als ich mit der Lektion begann. Innerhalb kürzester Zeit, ohne Ankündigung, hörten wir einen Donnerschlag, der so laut war, dass der gesamte Raum wackelte. „Pferd am Boden!“, schrie einer der Kursteilnehmer. Ich drehte mich um und sah Ledger, einen zweijährigen, kastanienbraunen Wallach, wie er auf der Weide lag. Bevor mein Verstand realisieren konnte, was geschehen war, trugen meine Füße mich bereits zur Tür hinaus, schneller als ich es mir je zugetraut hätte, hinter mir die Kursteilnehmer. Sekunden später stürzten wir durch das Gatter zur Weide, das ein Volontär, der nicht mitbekommen hatte, was geschehen war, gerade versuchte zu sichern.

Surreale Situation

Als ich mich dem Pferd näherte, fiel ich sofort auf die Knie und wiegte seinen Kopf in meinen Armen. Ohne jegliche Vorwarnung, weder Regen noch sonst etwas, war Ledger von einem einzelnen Blitz getroffen worden. Ich saß auf dem Boden, tröstete das arme Tier, und die anderen kamen hinzu. Wir begannen, nach Lebenszeichen zu suchen. Ledgers Augen standen offen, doch sein Körper schien leblos, rührte sich nicht. Der Mund war offen, die Nüstern ausgestellt. Wir sahen keine verbrannten Stellen am Körper, aber unmissverständlich lag der Geruch von verbranntem Fleisch in der Luft.

Die ganze Situation erschien ungewöhnlich friedvoll und sehr surreal. Während die ganze Gruppe sich um Ledger versammelte und alle taten, was sie konnten, fraßen die anderen Pferde einfach weiter ihr Heu, offenbar zufrieden, in einer Reihe stehend, weggedreht vom Elektrozaun, der wohl den Blitz angezogen hatte.

Viele von uns legten ihre Hände auf Ledgers ruhenden Körper, um ihm Heilung und Trost zu geben. Zufällig waren die meisten von uns Reiki-Praktizierende, und ganz natürlicherweise zog es jeden an unterschiedliche Körperstellen. Während die „Reiki Engel” ihre Hände auf Ledger legten, versammelten sich andere um die Gruppe herum und begannen, Energie in seine Richtung zu senden. Alle zusammen kreierten wir einen erstaunlichen Raum, so dass der Wallach eingebettet war in eine Wolke aus Liebe und Hoffnung. Die Energien verschmolzen miteinander, während wir unsere Intention durch Gebete und positive Gedanken vereinten. Wir wussten nicht, ob Ledger jeden Moment wieder aufstehen würde – oder ob es für ihn an der Zeit war zu gehen.

Persönliche Lektionen

Während mir Tränen durchs Gesicht liefen, wusste ich, dass ich bei ihm bleiben musste – und widerstand einem starken inneren Drang, wegzulaufen. Es war offensichtlich, dass wir alle durch unsere eigenen inneren Reisen gingen, als wären wir hier zusammengerufen worden, um an diesem Tag unsere ganz persönlichen Lektionen zu lernen. Ich sah, wie einer meiner Ausbilder ganz methodisch an die Sache heranging, indem er nach Lebenszeichen suchte, während ein anderer den Tierarzt und die Behörden anrief, und ein dritter verfluchte den Blitz immer und immer wieder. Viele Schüler weinten sich ihr Herz aus dem Leib, während andere sich zurückhielten ... jeder versuchte auf seine Art, mit dem Trauma fertig zu werden.

Plötzlich spürte ich eine Veränderung in der Energie von Ledgers jungem Körper, und ich wusste instinktiv, dass er nicht mehr bei uns war. Einige Angestellte der Ranch sagten, es sei jetzt wohl besser, wieder zurück in den sicheren Unterrichtsraum zu gehen. Doch keiner von uns wollte gehen. Wir trauerten, wir wiegten seinen Körper in unseren Händen, wir sprachen Gebete und teilten stille Momente miteinander.

Abschied nehmen

Später legten wir eine schützende Plane über Ledgers Körper, damit er über Nacht draußen bleiben und seine Herde sich von ihm verabschieden konnte. Wir sahen, wie Charlotte, seine engste Freundin, plötzlich realisierte, dass Ledger nicht mehr aufstehen würde. Sie warf ihren Kopf hoch und rannte wie wild auf und ab. Laut schnaubend umkreiste sie Ledger und versammelte einige andere Pferde der Herde, um den leblosen Körper von Ledger zu untersuchen. So wie wir in der Gruppe zuvor, ging jedes Pferd mit der Situation in ganz eigener Weise um: einige waren mutig und neugierig, andere beobachteten die Situation aus der Ferne. Es dauerte nicht lange, und die Situation normalisierte sich wieder – nur Charlotte blieb bei ihrem Freund stehen, wie um sicher zu gehen, dass ihm nichts passieren ­würde ... für viele Stunden.

Außersinnliche Kommunikation

Nachdem die Aufregung sich etwas gelegt hatte, fanden unbeantwortete Fragen ihren Weg in unseren Kopf: Warum dieses Pferd? Auch wenn ein Leben nicht mehr wert ist als ein anderes, so war Ledger doch eines der jüngsten Pferde auf der Ranch gewesen, er hatte sein ganzes Leben noch vor sich gehabt. Gerade im Werden begriffen, war sein Leben ihm genommen worden, einfach so.

Meiner Erfahrung nach, so habe ich es beobachten können, dauert es einige Tage, bis die Seele den Körper verlässt und in ihrer neuen, „formlosen“ Existenz ankommt. Und so wurde ich etwa eine Woche später gebeten, mit Ledger auf der anderen Seite zu kommunizieren.

Innere Einsichten

Während ich mich auf ihn einstellte, begann das junge Pferd, sich mir gegenüber zu identifizieren, indem es viele Fakten aus seinem Leben bestätigte. So erzählte Ledger die Geschichte seiner Ankunft auf der Ranch, er zeigte mir sein ursprüngliches Auftreten und sein rauhes Aussehen, und mit seiner unbekümmerten Art beschrieb er die Orte, an denen er viel Zeit verbracht und die Freunde, die er hier auf der Ranch gehabt hatte. Er teilte Einsichten mit mir über jene Menschen, die sich um ihn gekümmert hatten, und übermittelte persönliche Botschaften.

Was jedoch die meisten der Kursteilnehmer interessierte, die bei seinem Tod dabei gewesen waren, waren die letzten Momente in seinem Leben. Ledger beschrieb den kompletten Vorfall. Er wurde völlig davon überrascht. Er hatte nicht gewusst, dass seine Zeit gekommen war, er war nicht darauf vorbereitet gewesen. Im Gegenteil, er bereitete sich gerade darauf vor, adoptiert zu werden. Er stellte fest, dass der Donner im exakt selben Moment wie der Blitz gekommen war – etwas, was ich nicht bemerkt hatte, die Kursteilnehmer jedoch sofort bestätigten. Er zeigte, wie er durch die Luft geschleudert worden war und dann hart mit der Seite auf dem Boden gelandet war. Es blieb ihm keine Zeit zu reagieren, alles ging viel zu schnell.

Kurzfilmartige Gedanken

Da es uns während des Vorfalls nicht ganz klar gewesen war, wollten viele von uns noch wissen, ob er bereits auf der anderen Seite angekommen war, bevor wir bei ihm eingetroffen waren, oder ob er noch bei uns gewesen war, für die kurze Zeit, die wir uns um ihn herum versammelt hatten. Was Ledger dann mitteilte, war sehr tiefgründig. Durch kurzfilmartige Gedanken war ich in der Lage, es zu übersetzen und so sein Bote zu sein.

Er fragte mich, ob „ich nicht gesehen hätte, wie sein Schweif sich bewegt habe, als ich auf ihn zugekommen sei?” Das hatte ich nicht; aber als ich es aussprach, sagten andere sofort, dass sie das gesehen hätten. Und ob „ich nicht gesehen hätte, wie sein Vorderbein sich bewegt habe?“ Und wieder hatte ich nicht, andere jedoch schon. Außerdem teilte er mit, dass man eine Linie in seinen Haaren habe sehen können, zwischen seinen Vorderbeinen, von seinen Hufen bis hoch zur Brust. Diese Linie sei durch den Blitzschlag entstanden. Ich wunderte mich, dass ich diese wichtigen Zeichen übersehen hatte – und musste mich daran erinnern, wie schnell alles gegangen war an diesem Tag.

Aus der Sicht von oben zeigte Ledger mir, wie alle sich um ihn herum gruppiert hatten, ihre Hände überall auf seinen Körper gelegt hatten, und wie ein Kreis von Menschen außen herum gestanden hatte, um heilsame Ener­gie zu senden. Dann teilte Ledger mit, dass er seinen Körper verlassen hatte, kurz bevor Rob, ein Ausbilder, weggegangen sei. Und er sagte uns die genaue Zeit. Später sagte uns Rob, dass er zu diesem Zeitpunkt gemerkt habe, dass Ledger gestorben sei, und so sei er fortgegangen, um dem Notarztwagen abzusagen. Jetzt wurde alles für uns klar. Ledger hatte unsere Präsenz gespürt – und bestätigte, dass er gewusst habe, dass wir da gewesen waren. Er war nicht alleine gestorben!

Dankbarkeit und Demut

Die ganze Sitzung hindurch ging ein tiefes Gefühl herz­erfüllter Dankbarkeit von Ledger aus, und, wie erstaunlich, anstelle von Sorge fühlte ich Freude. Anstelle von Furcht fühlte ich Ruhe. Anstelle von Schwäche fühlte ich Stärke. Es war eine Erfahrung voller Demut, zu wissen, dass wir noch so viel zu lernen haben – und dass dieser junge Wallach sich so schnell mit seinem Tod abgefunden hatte, uns alle eine tiefgründige Lektion lehrend, die wir so schnell nicht wieder vergessen würden.            

In Erinnerung an Ledger,
2007 - 2009, Colorado.


* Horse Rescue = eine Art Tierheim für Pferde; zur Vereinfachung des Leseflusses wird im Folgenden der Ausdruck „Ranch” gebraucht


Anna Twinney, international anerkannte Pferde-Spezialistin und Tierkommunikatorin, Begründerin des Reach Out to Horses®-Programms und Reiki-Meisterin. Seit vielen Jahren gibt sie weltweit Kurse in der „Pferde­sprache”, für Menschen aus den unterschiedlichsten beruflichen Bereichen. Über ihre Arbeit mit Pferden wurde u. a. im ­US- amerikanischen Fern­sehen berichtet.

Weitere Infos:
www.ReachOutToHorses.com

Heilarbeit mit Pferden nach Anna Twinney in Deutschland:  Sönke Dose (oben auf dem 2.&3. Bild) bietet Reiki und Healing Touch für Pferde und andere Tiere an. Als Schüler von Anna Twinney trainiert er Pferde im Sinne des Natural Horsemanships und freut sich, diese Methoden nach Deutschland bringen zu können.

Kontakt:
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Tel.: 0176-62700431


Übersetzung aus dem Amerikanischen:
S. Dose/O. Klatt


Fotos: Archiv Anna Twinney


DVD-Tipp: Im Dezember 2011 erscheint die erste DVD von Anna Twinney unter dem Titel „Energy Healing for Horses” (in englischer Sprache), mit Übungen für 1. Grad- und 2. Grad-Praktizierende sowie für Reiki-Meister. Derzeit gibt es bereits Auszüge davon bei YouTube zu sehen.

 

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