Die Ruhe nach dem Krieg

Jürgen Kindler war auf dem Reiki-Treffen von Kroatien


Es war noch während der Reise zu der Konferenz der Reiki Alliance in Portland, daß Jürgen Kindler gefragt wurde, ob er auf dem ersten Reiki-Treffen in Kroatien als Gastredner erscheinen möchte. Der Termin war kurzfristig und das Angebot verlockend - also saß er keine fünf Tage nach seiner Rückkehr aus Portland wieder im Flugzeug mit dem Ziel Zagreb.

Es gingen mir viele Gedanken durch den Kopf, was mich erwarten würde. Ja, den Krieg in Bosnien-Herzigowina hatte ich im Fernsehen gesehen. Aber ich hatte noch keinen direkten Kontakt dazu gehabt. Auch sonst existierte das ehemalige Jugoslawien eher als weit entferntes Land in meinem Kopf. Vor mehr als einem Jahrzehnt bin ich mal auf einer Reise nach Griechenland durchgefahren ... Und da waren noch die Gastarbeiter und z. B. auch mein Masseur, die hier in Deutschland gearbeitet haben oder immer noch arbeiten. Was hatte ich zu erwarten? Was würde der Anblick schrecklich verwüsteter Städte in mir auslösen? Wer würden die Menschen sein, die in der Zeit des Wiederaufbaus zu Reiki finden?

In Zagreb angekommen, war das Erkennen ein leichtes: Vera Alexander und ihr Mann Branco holten mich von dem übersichtlichen Flughafen ab, und dann fuhren wir mehr oder weniger quer durch Kroatien auf die Halbinsel Istrien, in ein Tagungshotel in Duva Uvala in der Nähe von Pula, einem auch in Deutschland bekannten Urlaubsort. Ich genoß die fünfstündige Fahrt durch die grünen Landschaften. Von leichten Hügeln bis zu erhabenen Bergen, von Eindrücken einer (grünen) Stadt Zagreb bis zum Anblick des Meeres war alles auf der Reise anzuschauen.



Erste Gespräche gaben mir einen Einblick in die Reiki-Geschichte von Kroatien: Vera und Branco Alexander praktizieren schon seit über 21 Jahren Geistheilung. Dies taten sie vor ihrer Vertreibung in ihrer Heimat Slawonien, später in Zagreb. Chiropraktik, Kristalltherapie, Radiästhesie, Bioenergie, Channeling gehören neben Reiki auch heute noch zu ihren angewandten Heiltechniken. Vera wurde 1994 von Frank Brunner in Recklinghausen zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Damit war der Grundstein für Reiki in Kroatien gelegt.

Unter der kommunistischen Regierung war es schwierig, Geistheilung zu praktizieren, und in dem kleinen Dorf, in dem sie lebten, war es noch etwas schwieriger, sie mußten sich zu dieser Zeit auch vor Gericht verantworten. Seit dem Krieg gibt es mehr Freiheiten. Dennoch hat der Gesundheitsminister gerade ein Gesetz erlassen - auch unter dem Einfluß der katholischen Kirche - das alles, was nach "Esoterik" aussieht, verbietet. Dagegen formiert sich Widerstand, und in diesen Tagen hat sich ein Verein gegründet, der mit bald 2.000 Mitgliedern gegen die Regelungswut angehen möchte.

Die Familie Alexander ist Mittelpunkt des Reiki-Geschehens in Kroatien. Es gibt Reiki-Gruppen in Osijek, Slavonski Brod, Karlovac, Opatija, Rijeka, Split, Varazdin, Sisak, Pula, Rovinj, Umag, Daruvar und natürlich in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens. Zusammen mit Slavomir Cune Miljevic machten sich Branco und Vera daran, das Reiki-Treffen in diesem Jahr zu organisieren. Und es sollte am Strand stattfinden - Kroatien hat viel Strand und ist in Deutschland wohl bekannt für seine herrlichen Urlaubsgebiete. So fanden sie ein Hotel in Duva Uvala (in der Nähe von Pula), das genügend Platz für die zu erwartenden Teilnehmer bot.

Nach dem Krieg kamen auch nach und nach Reiki-MeisterInnen aus anderen Ländern nach Kroatien und den anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, um Reiki zu unterrichten. So kam es, daß auch auf diesem Treffen Reiki-Schüler zusammenkamen, deren Hintergrund und Herangehensweise recht unterschiedlich waren. Allenfalls nebenbei und vorwiegend unter Reiki-MeisterInnen fanden darüber angeregte Diskussionen statt.

Das Programm

Das Tagungshotel in Duva Uvala gehört einem Unternehmen, das sonst seine Beschäftigten dorthin in den Urlaub schickt. Es ist modern eingerichtet, hat wirklich schöne Zimmer, und der Sandstrand und das Meer sind zwei Minuten zu Fuß entfernt. Das Meer dringt an dieser Stelle etwas tiefer in das Land ein, so daß die Bucht weit innen liegt und Schutz bietet. Zum Zeitpunkt des Reiki-Treffens war es noch Frühjahr hier, und die üppige Vegetation war im kräftigen Grün zu bewundern und lud zu Spaziergängen ein.

Schon am Donnerstag Nachmittag wurde das Treffen mit einigen Begrüßungsreden eröffnet. Die ungefähr 200 TeilnehmerInnen hatten auch die Gelegenheit, einer Darbietung örtlicher Tanzkunst beizuwohnen, eine Tradition, die sich in Kroatien von Ort zu Ort unterscheidet und auch von der Jugend lebendig gehalten wird.

Das Programm während des verlängerten Wochenendes bestand aus Vorträgen, teilweise von Reiki-MeisterInnen, über die verschiedenen Reiki-Stile oder über andere Techniken, die mit Reiki mehr oder weniger in Zusammenhang stehen. An einem Nachmittag gab es eine Frage- und Diskussionsrunde nur für Reiki-MeisterInnen. Die "Reiki-Welt" in Kroatien besteht nicht nur aus Reiki, sondern ist dort mit vielen anderen esoterischen Weisheiten gemischt.

Überhaupt wurde auf diesem Treffen eher Wert auf Wissensvermittlung von Kopf zu Kopf gelegt. Das Programmschema war: Meditation - Vortrag - Pause - Vortrag - Mittagessen - Vortrag - Pause - Vortrag - Meditation - Abendessen. Die Begegnung von Herz zu Herz kam in meinen Augen etwas zu kurz. Andererseits - vielleicht habe ich wegen der Sprache nicht alles mitbekommen.

Jeden Morgen und jeden Abend wurde - möglichst am Strand - eine halbe Stunde für den Frieden auf der Erde meditiert und Reiki geschickt. Am Wasser zu sitzen und zu meditieren ist sowieso eine tolle Sache. In der Gruppe und auf ein Ziel gerichtet, war es für viele eine bewegende Erfahrung.

Am Abend gab es Konzerte von Ljerka-Li |ilavec (Sängerin, Mezzosopran) und Kreëo Oreëki (Gitarrist und Sänger), die mir das Herz öffneten. Am Freitag Abend fand das Konzert auf der Veranda statt - ein bißchen kühl zwar, aber die Stimmen der beiden füllten locker den offenen Raum, und das mediterrane Gefühl und eine lange Hose wärmten über das Frösteln hinweg.

Wie auf jedem Treffen waren die Pausen das wichtigste "Nebenprogramm". Sie wurden genutzt für intensive Gespräche an der Bar oder im Café, Spaziergänge am Meer und Strandbesuche. Der Marktplatz vor den Türen des Vortragssaals war in den Pausen geöffnet und lud zum Kauf von Edelsteinen, Büchern und sonstigem Zubehör ein.


Wer wie ich das deutsche Reiki-Treffen gewohnt ist, für den war der Vortragsstil (RednerIn steht vorne - ZuhörerInnen sitzen gegenüber, hören zu, und dazwischen stehen ein Rednerpult und ein Tisch) eine echte Umstellung. Doch als ich meine Vorträge hielt, war ich froh, mich am Pult festhalten zu können. Immerhin war das mein erster Auftritt in dieser Art und Weise.

Meine Vorträge hielt ich über die Reiki-Geschichte seit Takatas Tod (in 40 Minuten) sowie die fünf Aspekte und neun Elemente des Reiki (in 60 Minuten), jeweils mit einer kurzen Zeit für Fragen und Antworten. Eine Übung in Schnellsprechen und Schnelldenken sozusagen, und dabei mußte ich meiner Übersetzerin auch etwas Zeit gönnen!

Höhepunkt des Programms war am letzten Abend das Feuer auf einer Felsenplatte direkt am Meer mit viel Gesang, etwas Tanz und einem Reinigungsritual. Einen Augenblick habe ich mir fast gewünscht, Gersfeld, der Ort des deutschen Reiki-Treffens, läge am Mittelmeer. Allgemein war die Witterung in diesen Tagen im Mai schon sehr mild, die Sonne noch nicht brennend. Wir erlebten einen Sonnenuntergang und einen Mondaufgang an der Adria mit Gesang und Feuer. Und dann war da noch der Stern (oder was auch immer), der gaaaanz langsam, aber in einer Schlangenlinie über uns am Zenit vorüberzog ... Alles zusammen ein Eindruck, wie wir ihn wohl nicht vergessen werden.

Das Sprachproblem

Der kroatischen Sprache nicht mächtig war ich überwiegend auf meine Dolmetscherin angewiesen, die auch meine Vorträge übersetzte. Es gab aber auch nicht wenige KroatInnen, die schon einmal in Deutschland gelebt hatten und mit denen ich mich daher unterhalten konnte. Nun verstand ich das erste Mal, wie sich Phyllis Furumoto fühlen muß, wenn sie auf Treffen in allen möglichen Ländern dieser Erde ist und die Sprache nicht versteht. Es herrschte überall ein Reden und Scherzen, und ich stand daneben und lächelte mit - hatte aber kein Wort verstanden.

Das Sprachproblem gab mir auch Gelegenheit, mit dem inneren Ohr zu hören. Manchmal wurde mir ein bißchen übersetzt, und so konnte ich meinen achten Sinn für das, was in einer fremden Sprache gesagt wurde, schärfen. Es ist erstaunlich, wieviel Kommunikation auf andere Art und Weise als die Sprache vermittelt wird, z. B. mit der Körpersprache, dem Tonfall, der Mimik und Gestik. Es ist aber auch überaus erstaunlich, wie oft ich mich gründlich geirrt hatte!

Kroatien nach dem Krieg

Jeder in Kroatien ist vom Krieg betroffen. Auf meiner Fahrt von und nach Duva Uvala habe ich kaum Zerstörungen gesehen, denn die Kriegshandlungen fanden in anderen Teilen des Landes statt. Was mich berührt hat, waren auch nicht so sehr die Zerstörungen von Häusern und Einrichtungen, sondern das, was der Krieg in den Menschen angerichtet hat. In vielen lebt der Haß weiter. Frage ich KroatInnen, was sie von den SerbInnen halten, dann kann jedeR eine schreckliche Geschichte erzählen, die ihm oder ihr selbst, der Familie oder Bekannten zugestoßen ist. Einige Geschichten würde ich hier gar nicht weitererzählen wollen, denn sie zeugen nur von dem Irrsinn des Krieges.

Würde ich einen Serben fragen, was er gegen Kroaten hat, dann würde er mir bestimmt auch eine schreckliche Geschichte über kroatische Soldaten erzählen. Ich habe mit Menschen gesprochen, die innerhalb von Stunden ihr Haus verlassen mußten, und alles, was sie sich innerhalb von 40 Jahren erarbeitet hatten, verloren haben. "Der Krieg zeigt das Schlechteste am Menschen", meinte jemand während der Konferenz. Und man schaut nach vorne und möchte nicht mehr zurück in den Wahnsinn blicken, der jedeN am Guten im Menschen zweifeln läßt.

Für mich persönlich war das auch einer der bleibendsten Eindrücke an dem ganzen Reiki-Treffen. "Krieg" war für mich etwas, was ich nur aus den spärlichen Erzählungen der Älteren kannte. Nun ist Krieg etwas, dessen Auswirkungen ich an den anderen Menschen sehen konnte. Das gibt mir zu denken und hat mich verändert. Ich überlege, wo ich dazu beitrage, daß Haß und Zwietracht gesät wird.

Die Lebensregel "Gerade heute, sei nicht ärgerlich" ergibt vor diesem Hintergrund für mich eine ganz neue Bedeutung. Daß ich mich ärgere, werde ich wohl nie verhindern können. Aber ich entdecke nun auch, daß ich manchmal, wenn ich mich eigentlich hilflos fühle, auf Rache sinne und damit bestimmt keinen Frieden auf diese Welt bringe ... Diese Reise nach Kroatien hat mich tiefer über den Frieden in der Welt und in mir nachdenken lassen, und dieser Prozeß ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Schmerzen des Krieges sitzen noch tief. Meine Frage, ob denn auch SerbInnen auf das "Erste Internationale Reiki-Treffen" eingeladen worden wären, wurde mit ungläubigen Augen quittiert. Zagreb, die Hauptstadt von Kroatien, quillt über von Flüchtlingen. Es gibt nicht genügend Arbeitsplätze, Industrieanlagen sind zerstört worden, und das Vertrauen in die Regierung, das Land zügig aufzubauen, schwindet.


Der Haß ist auf allen Seiten noch groß. Das kann man auch in den täglichen Nachrichten in Deutschland verfolgen. Das Friedensabkommen von Dayton wird immer wieder auf die Probe gestellt. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die Wunden so weit verheilt sind, daß an eine Annäherung zu denken ist. In der Zwischenzeit möchte ich alle, die sich dazu aufgerufen fühlen, bitten, Reiki in die Situation zu schicken.
Ruhe im Wald

Bei allem Grauen, das der Krieg verursacht hat, hat er einigen aber auch dazu verholfen, davon zu lernen. Ich habe mit einer Familie gesprochen, die zwar Haus und Hof verloren hat, aber nach einem Jahr der Trauer und des Zorns etwas Wunderbares gelernt hat: Es kommt nicht auf das Materielle an. Nicht, daß sie es ablehnen würden, aber es ist eben nicht mehr so wichtig.

Der Gegenbesuch

Da ich schon in Kroatien war, habe ich natürlich für das deutsche Reiki-Treffen kräftig die Werbetrommel gerührt. Vera meint, daß ein kleiner Bus aus Kroatien mit TeilnehmerInnen kommen wird. Die Gebühr für Reiki-Treffen ist aber aus kroatischer Sicht recht hoch, weswegen wohl nicht so viele Reiki-FreundInnen aus Kroatien kommen können.

Zwischen Kroatien und Deutschland gab es schon immer freundschaftliche Beziehungen, und viele KroatInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien haben Deutschland als freundliches Land in Erinnerung, in dem sie sich gerne aufgehalten haben. Ich hoffe, daß gegenseitige Besuche sich fortsetzen werden und vielleicht so etwas wie eine "kroatisch-deutsche Reiki-Freundschaft" entsteht. Ich werde auf jeden Fall dazu beitragen, soweit es mir möglich ist.

Finale

Das Reiki-Treffen in Kroatien war ein voller Erfolg. Bei allen Unterschieden führte die gemeinsame Erfahrung von Reiki alle zusammen. Am letzten Tag wurden die OrganisatorInnen mit großem Applaus beglückwünscht. Und es war klar: Das nächste Reiki-Treffen in Kroatien kommt bestimmt. Dieses Land und die Menschen brauchen die Heilung und den Frieden, den Reiki bringt.

Ich habe die Menschen und das Land genossen. Hoffentlich haben meine Vorträge zu einem tieferen Verständnis und den Möglichkeiten von Reiki beigetragen. Auf meiner Rückfahrt hatte ich noch einen Tag Aufenthalt in Zagreb und nutzte die Gelegenheit, mich näher mit verschiedenen Reiki-SchülerInnen zu unterhalten. Kroatien ist wirklich ein Land im Umbruch. Es lauern Gefahren, aber so eine Zeit ermöglicht auch positive Veränderungen.

Das nächste Reiki-Treffen
in Kroatien findet vermutlich
vom 21. bis 24. Mai 1998 statt.

Nähere Information bei:
Vera und Branco Alexander,
Veslacka 27, 10000 Zagreb, Kroatien Telefon und Fax: 00385-1-32 43 25