Gedanken zu den Lebensregeln - Teil 4


"Ehre Deine Eltern, Lehrer und die Älteren."

Teil 2 dieses Artikels

Von Harald Wörl

 

Gerade diese Lebensregel fordert viele Reikianer sehr. Es liegt sicher nicht nur an der (Ver-)Ehrung unserer Eltern, auch bei Lehrern und Älteren ist unsere Sichtweise doch meist sehr voreingenommen. Harald Wörl gibt in seinem zweiten Teil weitere hilfreiche Einsichten, um das »Ehren« von Menschen wieder mit mehr Freude und Dankbarkeit geschehen lassen zu können.


Ein Aspekt von Lebensgeschichten ist, daß es keine ohne Traumas gibt, die sich lediglich in ihrem Grad unterscheiden. Das Widersprüchliche mit negativen Erfahrungen ist, daß wir oft sehr viel durch sie lernen und uns entwickeln – vor allem, wenn wir sie überwunden haben! Im nachhinein haben wir oft aus den schmerzhaftesten Situationen das meiste gelernt. Dies sehen wir jedoch oft nicht, während wir eine schmerzhafte Erfahrung durchlaufen. Würde sich unsere Einstellung in bezug auf schmerzhafte Erfahrungen ändern, wenn wir wüßten, daß wir gerade dabei etwas sehr Wesentliches lernen?

Gerade durch die Begrenzungen der eigenen Eltern haben wir oft erst bestimmte Wege und Entwicklungen eingeschlagen, die uns heute zu dem Menschen haben werden lassen, der wir sind. Waren diese schmerzhaften und leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit nun negativ oder positiv? Unter dieser Perspektive wirst du vieles finden, was du an deinen Eltern ehren kannst.

Deine Wurzeln

Es lohnt sich, dir die Zeit zu nehmen, deine Eltern für ihr Sein zu ehren, im Außen oder innerlich. Dabei kannst du das Geschenk erfahren, jenseits des rationalen Verstandes in Kontakt mit deinen Wurzeln zu kommen. Diese bilden die Ausgangsbasis für all` deine weiteren Entwicklungen und Bestrebungen in diesem Leben, in dieser Welt. Auch wenn du mehr an »spiritueller« Entwicklung interessiert sein solltest, gilt das gleiche Prinzip. Wer als Baum seine Äste hoch in den Himmel strecken möchte, muß in der Erde gut verwurzelt sein, sonst wird ihn der erste Sturm umwerfen. Höhenflüge, die nicht im Alltag fest verankert sind und auch dort gelebt werden, haben nichts mit spiritueller Entwicklung zu tun. So lohnt es, um Entwicklung – auch im spirituellen Sinn – stattfinden zu lassen, deine Eltern, Lehrer und die Älteren zu ehren. Das Ehren hat in seiner Essenz zwei wesentliche Auswirkungen: Es hilft uns, Gefühle in uns zu heilen, die über Ärger und Sorgen hinausgehen, bzw. noch tiefer liegen. Zum anderen öffnet es ein Tor auf der Suche nach unserem Platz in dieser Welt, den Sinn und die Aufgabe unseres Lebens zu finden.

Lehrer

Da die Eltern unsere ersten Lehrer sind, kann das bisher Gesagte auf alle Lehrer übertragen werden. Aber was sind eigentlich Lehrer? In erster Linie fallen uns vielleicht die Schullehrer ein. Auch hier ist es so, daß es wohl keinen Menschen gibt, der nur gute Lehrer in seiner Schulzeit gehabt hat. Ich kann mich darüber freuen, was ich früher gelernt habe, wenn es plötzlich nützlich für mich oder andere Menschen ist und dadurch einen wirklichen Sinn bekommt. Mir ist dann egal, in welcher Situation bei welchem Lehrer ich dies lernte.

Aber mein Verständnis, was einen Lehrer ausmacht, geht weit über die sogenannten Schullehrer hinaus, da Lernen und Gelehrt-werden nicht nur in der Schule stattfinden. Ich habe ein Bild von der Menschheit als eine Kette. Diejenigen, die vor mir sind, sind den Pfad schon weiter gegangen als ich. Von ihnen kann ich etwas lernen, sie sind meine Lehrer. Für diejenigen, die hinter mir sind, kann ich ein Lehrer sein. So sind wir alle Lehrer und Lernende zugleich. Wünschen wir uns nicht alle, von unseren »Schülern« »anständig« behandelt zu werden? Warum sollten wir dann nicht unsere Lehrer ehren?

Die Älteren

Ein Begriff, mit dem wir in unserer Kultur erst einmal weniger anfangen können, sind »die Älteren«. Vielleicht weil wir damit »alt sein« verbinden und dies in unserer auf Jugendlichkeit ausgerichteten Gesellschaft keinen besonders hohen Stellenwert hat. Das ist in anderen Kulturen anders. Dort wird das zunehmende Alter mit Wissen und Weisheit assoziiert, das zum Nutzen aller dienen kann. Großeltern gelten dort nicht als senil oder als Rentner ohne Produktivkraft, sondern deren Lebenserfahrung wird geschätzt. Wenn wir mehr aus den Fehlern unserer Älteren lernen würden, müßten wir nicht alle selbst machen.

Ältere sind in manchen Kulturen auch die Ahnen, die Verstorbenen früherer Generationen, die geehrt werden. Während die Ahnen in unserer Kultur keinen großen Stellenwert zu haben scheinen, würde ich einige Personen als meine Lehrer bezeichnen, die bereits gestorben sind und denen ich persönlich nie begegnet bin. Viele dieser Menschen haben ihre Gedanken in Büchern und Schriften niedergelegt und mich darüber beeinflußt. Ist nicht ein großer Teil unseres Wissens die Errungenschaft der Älteren? Ein Großteil des Grundlagenwissens der Naturwissenschaften, der Philosophie, der Religionen etc. stammt von Menschen, die schon lange gestorben sind. Auf ihren Erkenntnissen bauen wir auf und entwickeln sie weiter.

Wir nennen diese Menschen nicht unsere Ahnen (obwohl sie unsere kulturellen Vorfahren sind) und auch nicht »die Älteren«. Aber könnte es nicht sein, daß, bezogen auf unseren Kulturkreis, genau dies damit gemeint ist? Warum ehren wir nicht die Menschen, die die Grundlagen dafür geschaffen haben, auf denen wir heute aufbauen? Dies gilt im Großen wie im Kleinen. Es ist immer schwierig, die uns vorausgegangenen Generationen richtig zu verstehen, weil sie so anders waren. Aber ihre Andersartigkeit und ihr früheres Wirken bilden die Basis unseres heutigen Seins und Tuns. Sollten wir etwa die Verdienste »der Älteren« uns selber zuschreiben wollen?

Ethik

Die Lebensregel »Ehre Deine ­Eltern, Lehrer und die Älteren« beinhaltet noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Diese Regel versorgt uns mit einer bestimmten Ethik, einer moralischen Grundlage oder einem Wert, anhand derer wir unser Verhalten überprüfen können. Ist es nicht so, daß wir gerade deshalb einen Werteverfall in unserer Gesellschaft beobachten können, weil auch die positiven moralischen Grundlagen immer mehr zu fehlen scheinen?  Ich möchte deshalb das bislang Beschriebene zum Schluß auf bestimmte Verhaltensweisen in der »Reiki-Szene« beziehen, auch um ihre praktischen Konsequenzen ganz konkret zu verdeutlichen.

Traditionell

Wer Reiki-Seminare anbietet und sich auf dem Markt behaupten will, versieht sich selbst gern mit dem Etikett »traditionell«. Mit diesem Etikett oder der Bezeichnung »nach Dr. Usui« oder »Original« wirbt es sich einfach besser. Diese Begriffe flößen mehr Vertrauen ein, als wenn wir mit Bezeichnungen werben würden wie »habe ich mir ausgedacht«, »Neuentwicklung ohne sichere Grundlage« oder »oberflächlich«. Diese Worte kämen wohl nicht so gut an, oder?

Die Bezeichnung »traditionell« hat viel mit Tradition zu tun und steht in enger Beziehung zu dem, wie man mit seinen Lehrern und den Älteren umgeht. Das Kennzeichen einer Tradition ist, daß sie schon vor uns existierte, sie wurde nicht von uns gemacht! Wenn wir aber diese Tradition nicht gemacht haben, kann der einzelne auch nicht definieren, was traditionell ist. Genau dies geschieht aber häufig. Die Bezeichnung »traditionell« wird ent-ehrt dadurch, daß sie als Verkaufsargument mißbraucht wird. Ehrt man damit seine Lehrer und die Älteren? Kann man etwas über »den Geist von Reiki« aussagen oder schreiben, was im Widerspruch zu dieser Lebensregel steht? Ich glaube nicht.

Wenn ich die Bezeichnung »traditionell« verwende, muß damit einhergehen, daß ich mich so intensiv wie möglich mit der Tradition auseinandersetze. Wie kann ich mich als traditionell bezeichnen, wenn ich die Tradition nicht kenne? Mit einer genügenden Kenntnis der Tradition kann ich entscheiden, ob ich dieser Tradition folgen will oder nicht. Ich muß nicht mit einer bestimmten Tradition übereinstimmen, aber dann sollte ich nicht ihren (guten!) Namen benutzen, um meiner eigenen Vorteile willen.

Ich schreibe dies hier, weil ich im Bereich »Reiki« inzwischen mit vielen Arten und Unarten konfrontiert bin, die, nach meinem Verständnis, mit dieser Bezeichnung wenig oder nichts mehr zu tun haben. Im asiatischen Raum macht ein Schüler, wenn er vom Stil seines Lehrers abweicht, dies dadurch nach außen hin kenntlich, daß er seine Richtung mit seinem eigenen Namen verbindet. Diese Vorgehensweise, die den eigenen Lehrer ehrt und trotzdem Veränderungen und Abweichungen möglich macht, vermisse ich in der »Reiki-Szene« fast völlig. Was wir derzeit im Bereich Reiki vorfinden, ist eine Anhäufung von allen möglichen und unmöglichen Inhalten unter der Bezeichnung und dem Deckmantel Reiki. Für Außenstehende (wer ist ein wirklicher »Insider«?) sind wesentliche Unterschiede nicht mehr erkennbar, weil sie nicht gekennzeichnet werden. Diese Vorgehensweise hat für die Entwicklung von Reiki viele Nachteile und steht, meines Erachtens, im klaren Widerspruch zu der obigen Lebensregel und damit dem Geist von Reiki.

New Age

Als Argument, die Reiki-Tradition zu verändern, wird oft herangezogen, daß wir in der Zeit des New Age leben. Die Bezeichnung New Age wird dabei in dem Sinn verwendet, als ob jetzt alles Neue automatisch eine sinnvolle Veränderung darstellen würde und man mit allem Alten aufzuräumen habe. Ein Neues Zeitalter hatten und haben wir jedoch immer. Jedes Zeitalter ist neu im Vergleich zum alten. Ich denke, daß viele Menschen das New Age als Flucht aus dem gegenwärtigen Zeitalter benutzen, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf ein besseres Zeitalter konzentrieren, das erst morgen kommt. Da es eine Phantasie ist, die ich nach meinen eigenen Vorstellungen zurechtrücken kann, verliere ich leicht die Gegenwart, in der alle meine Probleme gegenwärtig sind, aus den Augen.

Veränderungen sind nicht automatisch gut, weil sie neu sind. Wir müssen uns ihnen auch deshalb nicht anschließen, weil mancher uns glauben machen will, sonst zu den »ewig Gestrigen« zu gehören. Im Gegenteil: Ich glaube, daß es zeitlose Werte, ein altes und zeitloses Wissen gibt, das auch in einem neuen Zeitalter Bestand hat. Diese Werte zu erhalten ist sehr sinnvoll. Wenn die Veränderungen des neuen Zeitalters nicht auf den Fundamenten aufbauen, die früher richtig waren und immer richtig bleiben werden, in welche Richtung würden wir uns dann entwickeln?

Mit Traditionen brechen?

In der Reiki-Tradition wird mit den Symbolen und Mantren würdig umgegangen, weil sie ein Vermächtnis unserer Lehrer und der Älteren sind. Der würdige Umgang drückt sich unter anderem darin aus, daß man eine persönliche Beziehung zu ihnen herstellt und mit ihnen auf eine respektvolle Art und Weise umgeht. Dies schließt beispielsweise eine schriftliche Veröffentlichung aus und hat nichts mit Geheimniskrämerei zu tun. Wer würde intime Dinge, die ihm selbst sehr wertvoll sind, in aller Öffentlichkeit jedem gegenüber ausbreiten? Soll diese Art des Umgangs miteinander ein Kennzeichen eines New Age sein?

Der öffentliche Umgang mit den Symbolen und Mantren beruht im Ursprung immer auf einem Vertrauensmißbrauch, dem eigenen Lehrer gegenüber. Dies heißt, daß solche Veröffentlichungen immer ohne das Einverständnis des Lehrers gemacht wurden – was vielen Lesern nicht bekannt sein dürfte. Dieser Bruch mit einer Tradition ist, aus meiner Sicht, moralisch sehr fragwürdig. Die Hintergründe und Rechtfertigungen, mit denen dieser Schritt begründet wird, sind mit Sicherheit nicht durch eines motiviert: seinen Lehrer zu ehren.

Der »Jugendliche in uns« muß mit elterlichen Traditionen brechen, um sich auf den Weg zu machen, sich selbst zu suchen. Wirklich fündig werden wir als innerlich Erwachsene erst dann werden können, wenn wir den Sinn von Traditionen erkennen und unser Handeln danach ausrichten. Es mag dem Jugendlichen in uns nicht passen, daß er seine Lehrer ehren soll. Wenn aber die Reiki-Lebensregeln einen essentiellen Teil des Reiki-Systems ausmachen, müssen diese auch die Grundlage für unsere Handlungen sein, wenn wir sie mit der Bezeichnung »Reiki« in Verbindung bringen. Alles andere wäre doch Etikettenschwindel, oder?

----


Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psycho­logiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des »Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki« in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Mensch »funktioniert« und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok