Reiki und asiatische Philosophie

Teil 3: Buddhismus


Im Usui-System sind viele Aspekte zu erkennen, die auch im Buddhismus zu finden sind. Sie weisen auf eine lange Tradition des In-Sich-Ruhens hin. Eleni Duplessis beschäftigt sich im letzten Teil ihrer Serie nach Yin und Yang und den 5 Elementen mit dem Zusammenhang von Buddhismus und Reiki.

Gemäß der Tradition nach Phyllis Lei Furumoto gibt es im Reiki vier Elemente. Diese sind: die Heilungstechnik, das persönliche Wachstum, die spirituelle Lehre und der mystische Orden. Diese Elemente bilden die Basis der Lehre.

Das Rad spiegelt den Kreislauf der Entwicklung des Einzelnen. Der Reiki-Praktizierende durchläuft jede Phase – so wie ein Rad ­–, um näher an die Essenz von Reiki zu kommen. Alle Teile des Rades sind gleich bedeutsam, deswegen sollte man kein Element auslassen. Es ist möglich, daß ein Element zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr Gewicht erhält als ein anderes. Die Tiefe der individuellen Erfahrung bestimmt das eine oder andere Element.

Der mystische Orden ist die gemeinsame Verbindung, die allerhöchste Stufe des Seins, die alle Reiki-Praktizierenden teilen. Einerseits habe ich meine ganz besondere Erfahrung mit Reiki gemacht, andererseits vereine ich mich mit dem »Reiki-Geist« – eine Stufe, die alle gemeinsam teilen. Das Mystische darin ist, daß die individuelle Erfahrung in eine gemeinsame Erfahrung mündet, wenn dies erwünscht ist. Ich kann für mich Reiki erleben, aber ich kann auch mit anderen Reiki-Praktizierenden diesen »Reiki-Geist« erleben. Die Lebensregeln geben einen Rahmen, wie Reiki ausgeübt werden soll.
Buddha hat seine Lehre in drei Teile geteilt. Im Buddhismus heißt es, daß Buddha dreimal das Rad der Lehre gedreht hat, damit ist gemeint, daß er den ganzen Zyklus durchlaufen hat. So entspricht jedes Rad, das er gedreht hat, einem Teil der Lehre. Auf diese Weise sollte die Lehre stufenweise verständlicher gemacht werden. Das Rad spiegelt den Kreislauf der Dinge wider: von der praktischen Ausübung bis zum Kern der Lehre. Während das Rad im Buddhismus eine weitaus größere, symbolische Funktion erfüllt, will ich mich hier lediglich auf das Bild des Rades beziehen.

In beiden Systemen bedient man sich desselben Bildes, um einen Vorgang zu beschreiben, der Geist und Seele verbindet. Es geht um einen Entwicklungsprozeß, wobei der Geist schrittweise zur Klarheit gelangt. Im Buddhismus verwendet man heilige Schriften und Meditationsformen; im Reiki hingegen das einfache Handauflegen.

Die Überlieferung

Östliche Lehren wie der Buddhismus beruhen traditionsgemäß auf mündlicher Überlieferung. Diese Lehren wurden überwiegend individuell außergewöhnlichen Personen vermittelt. Sie sollten dafür sorgen, daß die Lehren fortbestehen konnten. Dank eines Ehrenkodex oder Verhaltensregeln konnten diese Lehren, mit ihren spirituellen Rahmen, Zeit und Raum durchdringen und bis heute bestehen.

Die japanische (Heil-)Kunst Reiki beruht ebenfalls auf einer mündlichen Überlieferung. Als Lehre wurde Reiki immer an auserwählte Schüler weitergegeben, und so konnte die Tradition gesichert werden.
Im Buddhismus spricht man von dem Geiergipfel, auf dem Buddha einer Anzahl von Schülern Unterweisungen der Lehre gab. In der Reiki-Geschichte meditierte Dr. Mikao Usui auf einem Berg. Mich interessiert an dieser Stelle das Bild des Berges, wo wichtige Elemente der Lehre weitergegeben werden. In beiden Fällen handelt es sich um einen Hügel und nicht um einen hohen Berg. In Japan spielt die Natursymbolik eine große Rolle. Mit dem Bild des Berges verbindet sich das Yang-Element. Zu dem Außen gehört aber ein Innen (Yin). In diesem Fall, bei dem es sich um die Vermittlung einer Lehre handelt, sehe ich im Innen die unsichtbare Idee, die gerade auf dem Berg weitergegeben wird. Natur und Mensch sind ineinander verschlungen, und die Lehre mit ihrer Verbundenheit zur Natur ist von Kräften erfüllt und berührt die Menschenseelen.

Die Traditionslinie ist in den beiden Systemen insofern wichtig, als sie einerseits das System zusammenhält und andererseits eine Form der Energie ist. Aus der Kraft des Systems kann der Reiki-Praktizierende seine Inspiration schöpfen. Ich empfinde das System als eine Quelle, zu der ich immer zurückkehren kann, um meinen Durst zu löschen. Es ist wie eine Stätte des »In-Sich-Ruhen-Könnens«.

Der schriftliche Rahmen

Buddhisten verschiedener Schulen und Traditionen entwarfen gemeinsam ein buddhistisches Bekenntnis. So gibt es zum Beispiel die Deutsche Buddhistische Union, die ein buddhistisches Bekenntnis erarbeitet hat, um alle Buddhisten vereinen und die Lehre weitertragen zu können. Ähnliches gibt es auch beim Usui-System. Die Reiki Alliance hat sich einen Ehrenkodex und eine Identitätserklärung gegeben, um das Fundament des Systems zu festigen. Beide Vereinigungen versuchen, einen gemeinsamen »Geist« zu pflegen.

Auch in den Kampfkünsten spielt der Geist des Budo (Weg des Kriegers) eine große Rolle, bei dem es allein um die Reflexion über das Selbst geht. Im Taekwondo zum Beispiel waren Verhaltensregeln, die Werte wie Ehre und Edelmut betreffen, immer Bestandteil des Systems. Das Besondere des harten Trainings waren – und sind noch immer – die Werte und Prinzipien, die die Kampfkunstausbildung immer begleitet haben.

Das Verhältnis Yin und Yang

Buddhismus und Reiki teilen auch die gleiche Reflexion über das Erhalten (Yin) und das Geben (Yang). Der gleichmäßige Energieaustausch ist die Voraussetzung dafür, daß die Energie in ihrer zyklischen Dynamik arbeitet. Sie muß zurück, woher sie gekommen ist, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt. In diesem Sinne sollen Buddhisten wie Reiki-Praktizierende, wie es in den Reiki-Lebensregeln geschrieben steht, ihre Dankbarkeit jedem Lebewesen gegenüber zeigen. Der Mensch bekommt Energie aus der Natur und gibt sie ihr zurück, indem er sich in Achtung und Ehre übt.

Geld als Energie

In der gleichen Weise arbeitet Geld. Es ist ein Mittel zum Energieaustausch. Heutzutage wird viel Wert auf Zeit und Geld gelegt. Oft sind Gefühle der Angst und der Unsicherheit damit verbunden: Die Zeit läuft uns davon, und das Geld reicht nie aus. Wir suchen einen Weg, noch mehr davon zu haben. Das alles in der Hoffnung, daß unser Leben abgesichert ist. Unser ganzes Leben scheint sich nur um diese zwei Begriffe – Zeit und Geld – zu drehen.

Was Geld mit Reiki oder dem Buddhismus verbindet, ist, daß Geld als eine Form der Energie angesehen wird. In beiden Disziplinen muß man lernen, damit umzugehen. Vor allem muß man bemüht sein, das Verhältnis zwischen dem Erhalten (Yin) und dem Geben (Yang) im Gleichgewicht zu halten.

Wie in der Yin/Yang-Lehre ergänzen sich beide Elemente. Sie fließen ineinander. Wo Yang aufhört, beginnt Yin und umgekehrt. So wird die Energie im Fluß gehalten. Wenn ein Element im Übermaß ist, entsteht ein Ungleichgewicht, ein zu vermeidender Zustand.

Bei einer Reiki-Behandlung wird Reiki gegeben und dementsprechend Reiki erhalten. Um das Gleichgewicht zu erhalten, muß die Energie in irgendeiner Form zurückkommen. Wenn Geld angenommen worden ist, muß es ebenfalls zurückfließen. In unserem Alltag lassen sich viele Beispiele wiederfinden, wo Geld als Austauschmittel verwendet wird. Für mich ist es einfacher, damit umzugehen, wenn ich Geld als eine Form der Energie betrachte, die in Bewegung gehalten werden muß.

Das Zen-Singen

In Reiki-Kreisen wird oft das Singen als »Ein-Stimmen-Erlebnis« gepflegt. Die Stimmen der Anwesenden vereinigen sich zu einer einzigen Stimme. Diese Übung gehört zwar nicht zum Usui Shiki Ryoho, wird aber bei größeren Treffen praktiziert. Die Art der Erfahrung mit der eigenen Stimme stammt aus der alten Zen-Tradition und entspricht eigentlich einer Meditation, bei der der Einzelne den Klang seiner Stimme entdeckt und wahrnimmt.

Reiki-Praktizierende, die diese Übung zum ersten Mal innerhalb einer Reiki-Gruppe machen, fühlen oft ein Unbehagen ihrer eigenen Stimme gegenüber. Nicht nur ich, sondern auch andere Reiki-Praktizierende aus meinem Bekanntenkreis machten diese Erfahrung. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, warum manche diese Übung mögen, während andere dieses Gefühl nicht teilen. Ich stellte fest, daß der Geist im Augenblick dieser Erfahrung nach außen gerichtet war. Je mehr ich mich aber auf mein Energiezentrum im Hara-Bereich (Unterbauch) konzentrierte, um so mehr konnte ich als Übende eins mit meiner Stimme und zugleich eins mit dem Kosmos werden. Der Geist war in diesem Augenblick klar.

Dieses Singen unterscheidet sich von anderen Arten zu singen. Es ist nicht wie bei bekannten Melodien, bei denen besondere Emotionen hervorgerufen werden (wie bei Liebesliedern). Das Ziel des Zen-Singens ist die Einheit mit dem Universum und nicht die erzwungene Fokussierung auf einen Punkt. In seiner Mitte zu sein bedeutet, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. So fließt die Energie (Ki) besser. Nach der Yin/Yang-Theorie ist das Streben nach der Einheit mit dem Universum das Hauptziel jedes Lebewesens. Es wird als der »höchste Seinsgrund« angesehen. In seiner Mitte zu sein entspricht also der Unendlichkeit und der Grenzenlosigkeit des Universums.

Der Geist analysiert gewöhnlich sehr viel ­– egal, ob es sich um Emotionen oder den Intellekt handelt. So ist der Geist ununterbrochen aktiv. Wenn es einem gelingt, den Geist durch Meditation zum Stillstand zu bringen, kehrt Ruhe im tiefen Inneren ein. Auch ein auf eine Tätigkeit gerichteter Geist kann dies erreichen. Die Geh-Meditation ist das beste Beispiel dafür. Dabei geht es darum, nur zu gehen, diese Tätigkeit also bewußt zu machen. Der Geist soll mit keinen anderen Gedanken – außer dem Gehen – beschäftigt sein. Ähnliches ist auch beim gemeinsamen Singen möglich: in Harmonie mit den anderen zu singen, die eigene Stimme und sich selbst nicht mehr analysieren zu müssen. Dabei klärt sich der Geist, und man wird eins mit dem Kosmos.

Diese Übung verhilft einem Reiki-Praktizierenden, zu seiner Mitte zu finden. Sie verbindet ihn mit der Reiki-Gemeinschaft. Er ist ein Teil, und alle Teile bilden das Ganze, also die Einheit mit dem Universum. Das Zugehörigkeitsgefühl zum Ganzen ermöglicht, daß Ruhe und klarer Geist das eigene Ki zur Entfaltung bringen, und Yin und Yang gelangen in ein Gleichgewicht. Nur dann fühlt man sich ausgeglichen.

Das Usui-System hat, meiner Meinung nach, tiefe fernöstliche Wurzeln. Wie ich in den vorherigen Artikeln erläutert habe, entdeckte ich, daß Reiki Berührungspunkte einerseits mit der Lehre von Yin und Yang, andererseits mit der Lehre der Fünf Elemente hat. Das Kräfteverhältnis zwischen Yin und Yang ist die Grundlage des Energieaustausches. Die Liebe, die sich dadurch entwickelt, verbindet den Übenden mit dem Universum, das aus reiner Energie besteht. Das »große Absolute«, die harmonische Einheit, ist für mich ein erstrebenswertes Ziel, und deswegen ist für mich ein Leben ohne Do, den Weg dorthin, nicht denkbar.

 

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