Die Quelle


Eine Geschichte von Matthias Grünewald


Ithaka, 15. September 1991

Insel der Mythen und Mysterien. Wir sind gerade mit der Fähre von Piräus auf Ithaka angekommen. Unser abgestecktes Ausgrabungsfeld liegt auf der Westseite der Insel. Nach dem aufsehenerregenden Fund der Schlangenpriesterin auf Kreta hoffen wir, auch hier Spuren einer Besiedlung durch die minoische Hochkultur Kretas zu finden. Mit jedem Atemzug ist die vieltausendjährige Geschichte spürbar. Das alte Griechenland ist nicht fern. Hier muss das sagenumwobene Land sein, besungen in der Ilias des Homer, wo alles seinen Anfang nahm.

16. September

Wir haben inzwischen die ersten Koffer ausgepackt und unsere Schlafsäcke in den Zelten ausgerollt. Unsere Unterkunft ist spartanisch, die Sonne brennt noch immer heiß vom Himmel. Wir schwitzen alle ziemlich bei den Grabungen, aber der Duft, der uns umgibt, entschädigt für die Anstrengungen. Die Luft ist voll von Thymian und anderen Kräutern, roter Erde, Ziegenkot, Baumrinde, Salz, Piniennadeln, Akazien, Zypressen und dem süßlichen Duft stachliger Gräser. Reich der Zikaden. Tag für Tag geben sie ein Konzert. Mit Stimme und Gegenstimme, von Baum zu Baum. Nachts legen sie sich erschöpft zur Ruhe. Nur ein paar halten Wacht und rufen sich Botschaften zu. Ein Esel schreit. Eine Eule hält klagend dagegen. Eine Sternschnuppe stürzt ab. Irgendwo fern schlägt eine Kirchturmglocke an.

19. September
 
Markus, mein Kollege an der Uni Göttingen, hat ein paar unbedeutende Tonscherben gefunden. Wir werfen sie nach den hungrigen Möwen, die immer wieder Attacken auf unser Frühstück fliegen.

21. September

Gestern war ich zum ersten Mal im Dorf, weil ich telefonieren musste. Es liegt an einer kleinen geschützten Bucht. Im Hafen dümpeln viele Fischerboote im seichten Wasser. Doch die Telefonverbindungen sind zur Zeit unterbrochen. Zudem war die Fähre ausgefallen. Morgen sei sie wieder in Ordnung. Aber heute ist sie noch im gleichen desolaten Zustand. Für Tage ist die Insel ohne Kontakt zum Festland.

Ich schaue den Fischern bei der Arbeit zu. Einige streichen ihre Boote neu. Andere flicken die Netze. „Iassos“, grüße ich, „war der Fang gut?“ Die Fischer der großen Trawler winken ab. Das Meer ist leer. Nur Konstantinous, ein Fischer mit einem kleinen Boot, scheint zufrieden. Wir unterhalten uns über die Fischerei und das Leben.

22. September

Die Telefonverbindung ist wiederhergestellt. Die Leitung rauscht wie in den ersten Tagen der transatlantischen Telegraphengesellschaft. Jedes Gespräch wird mit zwei Hörern geführt. Um das Rauschen zu übertönen, brüllt man in die Hörer wie ein Kapitän auf hoher See, der seinem Gegenüber am anderen Ende der Leitung Nachrichten zuschleudert. Hinter einem speckigen Holztisch thront Mavros und zählt die Telefoneinheiten am Zähler ab. Er lauscht diskret jedem Gespräch und gilt als der bestinformierteste Mann der Insel.

Der Supermarkt ist in der Hand der Inselfrauen, Maria führt hier die Geschäfte. Der Laden ist eine Ausgrabungsstätte mit allem, was sich verkaufen lässt, ob essbar oder nicht. Gleichzeitig Wechselstube. Einen Uozo kann hier auch jeder trinken. Nur Zeit kann hier niemand kaufen, die hat man. Zwischen Kartoffelsäcken und Porzellantassen wird ein kleiner oder großer Plausch geführt. Schuhe liegen verstaubt im Durchgang. Salz steht hinter den Weingläsern und Erbsenbüchsen aus England. Dazwischen Tomaten, halbverschimmelt, auf einem Karton aufgetürmtes Brot, in einem Kühlschrank ein Kübel Feta, zerrissene Nudelpackungen und loser Reis auf dem Fußboden. Bei jeder Bestellung laufen die Verkäuferinnen los, wühlen sich durch die Regale, um mit zielsicherem Griff das Gewünschte hervorzuholen. Hinter dem Tresen steht die Kasse, ein ehemaliger Olivenölkanister. Als ich aus dem Laden trete, fährt gerade Dimitrious mit seinem Bäckerwagen vorbei. Die Ladefläche seines feuerroten japanischen Wagens hat er zur Verkaufsfläche umgebaut. Im gelblichen Unterhemd und unrasiert verteilt er seine Ware an die umstehenden Frauen. Im Winter spielt er den Weihnachtsmann.

25. September

Heute bekamen wir Besuch. Konstantinous, der Fischer, stieg am Abend den Hügel zu uns hinauf. Eine ganze Weile stand er unbeweglich und schweigsam am Rand der Grabungsfläche, die von oben betrachtet wie ein ausgetrockneter See aussehen muss. Er schaute uns bei der Arbeit zu. Nach einer Weile fragte er, wonach wir suchen. Als ich es ihm erklärte, sagte er: „Nach dem Schwertfisch muss man auch lange suchen. Aber er geht nur dann ins Netz, wenn man ihn nicht gesucht hat.“ Dann holte er wie zum Trost aus seinem Stoffbeutel einen großen Fetakäse und einen Laib selbstgebackenes Brot. Er schnitt jedem von uns eine Scheibe ab. Markus holte eine Flasche Retsina. Wir setzten uns, wo wir gerade waren, mitten zwischen die Absperrungen auf den Lehmboden. Wir aßen und tranken, und jeder lobte den Wein oder das Brot des anderen. Es war die schönste Pause, die wir bis dahin gemacht hatten. Das Blau des Himmels spiegelte sich im Blau des Wassers. Oder war es das Wasser, das im Himmel reflektiert wurde? Blau floss in Blau. Der Horizont, der normalerweise wie eine klare Trennung zwischen den Elementen liegt, war aufgelöst. Was ist oben, was ist unten?

28. September

Ich liege in meinem Schlafsack im Zelt. Fieber. Schweiß steht mir auf der Stirn, während mir gleichzeitig kalt ist. Wenn es morgen nicht besser ist, muß ich einen Arzt aufsuchen.

29. September

Im Inseldorf ist kein Arzt zu finden. Er macht Urlaub auf dem Festland. Man empfiehlt mir, in Notfällen mit der Fähre nach Piräus zu fahren oder zu Konstantinous dem Fischer zu gehen. Ich entscheide mich für letzteres.

Konstantinous schaut mich nur kurz an und legt seine Hände auf verschiedene Stellen an meinem Körper, die mir recht willkürlich ausgewählt erscheinen. Nach zehn Minuten schickt er mich zurück mit den Worten: „Morgen schwimmt der Fisch wieder im Wasser.“

30. September

Konstantinous hatte recht. Alles wieder in Ordnung. Ich fühle mich frisch und kräftig. Wie hat er das bloß gemacht? Ich muß das Geheimnis herausfinden. Konstantinous wohnt, wenn er nicht bei seinem Boot ist, in einem kleinen Haus oberhalb der Bucht. Der Weg dorthin führt an verfallenen Häusern vorbei, die irgendwann einmal von ihren Vorbesitzern aufgegeben wurden. Zwischen den Mauern wachsen Zedern und frisches Gras. Eidechsen huschen über den Weg, am Straßenrand liegen Autowracks, vor langer Zeit abgestellt, die darauf zu warten scheinen, dass der Rost sie erlöst. Ziegen stehen auf vom Wind zerfurchten Felsen, unbeweglich, die Nase in den Wind gestreckt. Als ich ihm mein Anliegen erkläre, nickt Konstantinous und sagt, ich solle morgen noch einmal vorbeikommen. Morgen sei ein besserer Tag.

2. Oktober
 
Ich war gestern und heute bei Konstantinous. Immer die gleiche Antwort. „Komme morgen wieder.“ Langsam werde ich wütend, den ganzen Weg umsonst gemacht zu haben.

4. Oktober
 
Gestern traf ich zufällig Konstantinous im Einkaufsladen. Ob ich mitkommen wolle, fragte er mich. Ich folgte ihm einen schmalen Feldweg nach oben. Über einzelne Felsen, durch getrocknetes Gras und vom Seewind gebeugte Kiefern. In einer Senke trafen wir auf den vergitterten Eingang zu einer Höhle oder besser gesagt einem Erdloch. Es ist die angebliche Geburtsstätte des Odysseus. Der Eingang wird von einer alten Frau bewacht, die wie eine Spinne in ihrem Netz neben einem klapprigen Generator sitzt und darauf wartet, dass Touristen in die aufgestellte Falle tappen. Odysseus war nie in dieser Höhle, meinte Konstantinous und ging weiter. Wir stiegen noch einige Meter weiter nach oben. Konstantinous verschwand in ein paar Büschen. Als ich ihm nicht nachfolgte, weil ich annahm, dass er einem menschlichen Bedürfnis nachgehen müsse, kam er zurück und winkte mich näher. Hinter den Büschen lag zu meiner Überraschung der Eingang zu einer Höhle, die um ein Vielfaches größer war als die angebliche Odysseushöhle. Es war vollständig dunkel. Nichts zu sehen. Nur der Geruch von feuchtem gestampftem Lehm kroch in meine Nase. Die Geräusche von draußen blieben zurück. Kein Ton – außer unserem Atem. Konstantinous setzte sich und bedeutete mir, es ihm gleichzutun. Ich war gespannt, in Erwartung eines großen Zaubers, dass sich nun das Geheimnis der heilenden Hände offenbaren werde. Mein Archäologenspürsinn war hellwach. Aber er saß nur unbeweglich da. Den Blick ohne Ziel, irgendwohin gerichtet, wohin ich ihm nicht folgen konnte. Er tat nichts, ich weiß nicht, für wie lange. Vielleicht wartete er auf eine Vision, eine Eingebung? Irgendwann packte er eine kleine Flöte aus, wie sie die Hirten der Insel bei sich tragen, und begann ein Lied zu spielen. Es schien ein altes Lied zu sein, soweit ich das erkennen konnte. Es war ein schönes Lied. Jeder Ton schwebte wie auf Flügeln durch die Höhle. Ton für Ton, die sich zu einem Band verwebten, um dann leiser werdend ihren Weg nach draußen zu suchen. Dazwischen sang er in einer Sprache, die an Altgriechisch erinnerte. Mal leise, fast zärtlich, dann kräftig wie der Donner über dem Meer. Dann wieder klang es traurig, wie der Regen in einer Novembernacht, dazu beschwörend sich wiederholend, eine Bitte wie die Anrufung der Sterne, damit sie den Seefahrern den rechten Weg weisen. Gleichzeitig klang es freudig, ein Tanz zu einer Hochzeit, eine Vermählung auf Ewigkeit, eine unlösbare Verbindung. Das Wasser der Flüsse, die sich ins Meer ergießen. Dann war das Lied zu Ende. Ich wagte nicht zu sprechen und doch hatte ich viele Fragen.

6. Oktober

Gestern nahm ich allen Mut zusammen und fragte Konstantinous, wie er heilen würde. Aber er schüttelte nur den Kopf, als habe er damit nichts zu tun. Er deutete nach oben in Richtung Himmel. Dann zeigte er auf sich und seine Hände mit einer Bewegung, die aussah wie ein Wasserfall, der seinen Quell im Universum hat und sich durch die Hände auf die Erde ergießt. Ich schaute ungläubig, aber er sagte nur mit einem Lachen und einem Augenzwinkern: „Morgen.“

7. Oktober
 
Diesmal blieb es bei Morgen. Keine Vertröstungen auf einen späteren Zeitpunkt. Ich traf Konstantinous am Hafen. Die Fischer machten ihre Boote klar zum Auslaufen. Es lag ein Gemisch aus Diesel und Seewasser in der Luft. Netze wurden verstaut und Kisten, um die Fische zu verpacken. Man wünschte sich gegenseitig einen guten Fang. Dann liefen die ersten Trawler einer nach dem anderen aus. Konstantinous ließ sich Zeit. Er ist Lampenfischer, das heißt, er lockt die Fischschwärme mit einem grellen Licht an. Dafür braucht er die Dunkelheit der Nacht. Seine Fanggründe liegen unmittelbar vor der Küste. Er muss sich mit dem begnügen, was die großen Trawler mit ihren Schleppnetzen übriglassen. Ich bestieg sein wackliges Boot, ohne zu wissen, was mich erwartete. Den Blick nach vorn gerichtet und eine Hand am Außenborder fuhren wir aufs offene Meer hinaus. Die laue Brise der Nacht blies uns ins Gesicht. Das Boot durchschnitt die Wellen. Jedesmal wenn das Boot in ein Wellental klatschte, überzog uns das Spritzwasser mit einem feinen Hauch erfrischender Kühle. Die Insel im Rücken, vor uns nur unendliche See, eingetaucht in das dämmrige Grau der Abendstimmung. Ich fragte mich, warum Konstantinous mich mitnahm. Vielleicht weil wir beide Fischer waren? Ich fischte in der Tiefe der Erde, er tat das gleiche im Meer. Doch während ich nach Vergangenem forschte, nach Fundstücken des Altertums, jagte Konstantinous dem quirligen Strom lebender Fische nach, die auf unsichtbaren Pfaden das Meer durchwandern. Seit der Antike sind Fische Sinnbild von Reichtum, Glück, Wohlstand und überfließender Energie. Suchte ich etwa auch, ohne es zu wissen, diesen seligmachenden Strom eines sorglosen Lebens?

Konstantinous hatte inzwischen den Außenborder abgestellt. Wir trieben auf den schaukelnden Wellen. Die Insel war nur noch als winziger Punkt zu erkennen. Um uns herum Dunkelheit und das schwappende Geräusch der Wellen. Ich schaute Konstantinous fragend durch das Dunkel an. Aber er machte keine Anstalten, die Netze auszuwerfen. Stumm saßen wir uns gegenüber. „Und?“, fragte ich zögernd, als mir das Schweigen zu schwer wurde. „Ich warte“, sagte er. „Ich warte auf die Fische.“

„Wie heilst du?“, fragte ich weiter. Ich ging alle Heiltechniken durch, die mir bekannt waren, von Reiki bis Tachyon Energie. Aber Konstantinous zuckte jedesmal mit den Schultern. Unbekannte Namen. Statt dessen legte er die Finger auf den Mund. Die andere Hand ans Ohr. Lauschend. Ich hörte nichts. Nur Stille. Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Aber Konstantinous nickte auffordernd mit dem Kopf, als sei dies des Rätsels Lösung. Ich sah nichts. Nur die Schwärze der Nacht. Undurchdringlich. Bis auf das zarte Glimmen der fernen Sterne, die sich im Wasser spiegelten und überall zu sein schienen. Durch das Schaukeln der Wellen schien es, als bewegten sie sich. Langsam und unaufhaltsam. Wie ein kosmischer Regen direkt aus dem Quell des Universums. Oder war es mehr ein prickelnder Hauch aufsteigender Sektperlen? Goldschimmerndes Glitzern im leuchtenden Schwarz, das mein Inneres im Duft eines feinen Zerstäubers badete. In unsichtbarer Stille. Es war ein Gefühl ohne jeden Schrecken. Im Gegenteil. Die Nacht hatte etwas Heimeliges. Etwas Warmes und eine Erinnerung an Bekanntes. Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß.

Konstantinous hatte das Netz ausgeworfen. Kurz darauf zündete er die Lampe an. Unter uns ein Schwarm Fische, die aus der Tiefe zum Licht strebten. Als er das Netz einzog, zappelten sie an Bord. Es war ein reicher Fang. Ich wusste nicht, wieviel Zeit inzwischen vergangen war. Wir starteten den Motor und fuhren in Richtung Hafen. Am Horizont erwachte der Morgen, als wir das Boot am Kai festmachten. Wir verabschiedeten uns. Konstantinous drückte mir fest die Hand, als sei ich ein Fisch, der ihm zu entgleiten drohe und den man deshalb um so fester halten muss. Ich solle mich gut daran erinnern, rief er mir hinterher. Woran? Er hatte doch gar nichts gesagt. Benommen vom Schaukeln der Wellen, wankte ich wie ein Trunkener den Hügel zu unseren Zelten hoch, warf mich aufs Bett und versuchte ein wenig zu schlafen.

8. Oktober

Der Ausgrabungsleiter verkündet vor dem Team den Abbruch der Grabungen. Es hätten sich keine Hinweise auf die minoische Kultur ergeben, und weitere Grabungen seien zu kostspielig. Damit war klar, dass wir unsere Koffer packen konnten.

13. Oktober

Zurück in Deutschland. Beim Kaffeetrinken mit Kollegen erzählte ich von unseren ergebnislosen Grabungen und den Erlebnissen mit Konstantinous. Ich beschrieb die Ereignisse in der Höhle und auf dem Meer. Ich ließ nichts aus und bedauerte, nicht zu wissen, welche Kraft durch den Fischer strömte. Da unterbrach mich meine Sekretärin und sagte: „Was Sie beschreiben, ist die Stille. Oder das Nichts. Oder das Tun im Nichtstun. Die Fülle der Leere, deren Fenster sich öffnen, wenn man wartet. Andere sagen auch Liebe dazu.“ „Liebe“, wiederholte ich sinnierend. „Das ist es“, sagte ich. Ich erinnerte mich. Und ich verstand den kostbaren Schatz jenseits von Worten, den Konstantinous mir gezeigt hatte.




Matthias Grünewald, geb. 61, Schauspieler, seit ‘95 Reiki-Meister in der Linie Usui - Furumoto und Heilpraktiker in eigener Praxis in der Nähe von Hanau.