Gedanken zu den Reiki-Lebensregeln - Teil 8


"Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige"

Teil 2 dieses Artikels

Von Harald Wörl


Mit dem zweiten Teil seiner Gedanken zu der fünften Lebensregel beendet Harald Wörl seine große Serie über die Bedeutung der Lebensregeln für die Reiki-Praxis und den Alltag. 



In gewisser Weise kann man die fünfte Lebensregel als den anderen vier übergeordnet ansehen. Die Lektionen der ersten vier Reiki-Lebensregeln führen dazu, dass wir Dankbarkeit empfinden. Umgekehrt schließt ein echtes Empfinden von Dankbarkeit Ärger und Sorgen aus, das Ehren anderer und Ehrlichkeit mit ein. Vielleicht konnten dir meine bisherigen Überlegungen den Hauch einer Ahnung davon vermitteln, wie gewaltig es sich auf dein Leben auswirken wird, je mehr Dankbarkeit du empfinden kannst.

Dankbarkeit zu empfinden ist wie eine Tugend, die gelernt und entwickelt werden kann. Zwei Dinge machen mir deutlich, dass sie als zentraler Bestandteil zum System Reiki gehört. In einer Version der Reiki-Geschichte wird davon berichtet, dass es Mikao Usui nicht gelang, Bettler allein durch Handauflegen zu heilen. Ihm wurde klar, dass nicht nur der physische Körper der Heilung bedarf, sondern dass auch die Gedanken, die mentale, geistige oder auch die spirituelle Ebene ebenso berücksichtigt werden müssen. Durch seine Erkenntnis, dass er vergessen hatte, die Bettler Dankbarkeit zu lehren, kamen die fünf Lebensregeln als feste Elemente zu Reiki.

Es ist für mich unerheblich, ob diese Geschichte sich historisch genau so zugetragen hat. Für mich ist sie ein Gleichnis, das eine wesentliche, zeitlose Wahrheit widerspiegelt. Wie wichtig es ist, Dankbarkeit zu vermitteln, weiß jeder, der irgendeine Art von „Schüler“ hat. Schüler können dabei nicht nur Kinder, sondern ebenso Klienten, Reikianer oder andere sein. Dass die Entwicklung von Dankbarkeit gerade in der heutigen Reiki-Szene ein sehr aktuelles Thema ist, wird unter anderem deutlich am Neid, dem Konkurrenzverhalten und dem Umstand, dass die eigene Meinung oft als Nabel der Welt präsentiert wird.

Die Dankeshaltung

Zum anderen spielt Dankbarkeit in der praktischen Anwendung eine wesentliche Rolle. Die erste Haltung bei einer Reiki-Behandlung ist die des Dankes. Obwohl in der Formulierung verschieden, scheint diese Haltung meines Wissens allgemein üblich zu sein. Wichtig ist, dass es sich dabei nicht um eine Hand-haltung handelt! Eine innere Haltung von Dankbarkeit einzunehmen hat viele unterschiedliche Auswirkungen. Eine davon ist, dass wir unser Bewusstsein für das Geschehen einer Reiki-Behandlung öffnen.

Es ist wichtig, dass wir das Geben und Empfangen von Reiki nicht als „Energietechnik“ verstehen, die so quasi von alleine automatisch wirkt. Zwar geben und empfangen wir Reiki nicht durch Aktivitäten unseres Verstandes, doch sind wir dazu aufgerufen, unser Bewusstsein für seine Wirkungen zu öffnen, um auch hier die segensreichen Harmonisierungen stattfinden zu lassen. Dadurch, dass wir bewusst eine uns entsprechende Dankeshaltung einnehmen – im Gegensatz zum bloßen Herunterrattern einer verbalen Formulierung –, werden wir immer wieder an das Empfinden von Dankbarkeit erinnert.

Dankbarkeit als spirituelle Praxis

Manchmal wird die Auffassung vertreten, dass das System Reiki im eigentlichen Sinne keine spirituelle Praxis beinhalten würde. Mit spiritueller Praxis ist hier in etwa gemeint, dass es keine expliziten Anweisungen für mentale oder feinstoffliche Übungen enthalte, die man neben dem Geben und Empfangen von Reiki für die eigene Entwicklung praktizieren könne. Aus dem mit dieser Sichtweise verbundenen Gefühl heraus, „dass etwas fehlt“, sucht man nach „mehr“. Dies können ein Mehr an weiteren „Reiki-Graden“ sein, ein Mehr an irgendwelchen Psycho- oder vermeintlich spirituellen Techniken oder ein Mehr an Übungen, die die selbst nicht wahrgenommenen feinstofflichen Körper irgendwie positiv beeinflussen sollen.

Man kann am System Reiki bestimmt einiges bemängeln, eines aber wahrscheinlich nicht – dass es zu kompliziert sei. Es ist eher die Einfachheit, die uns zu schaffen macht. Bei der Suche nach „mehr“ wird oft übersehen, dass die Entwicklung von Dankbarkeit eine der machtvollsten Übungen ist, die wir überhaupt kennen. In anderen spirituellen Richtungen zählt diese Disziplin häufig zu den fortgeschrittenen Übungen und wird teilweise genau gleich benannt, teilweise mit anderen Worten, aber dem gleichen Sinn.

Tiefe Dankbarkeit zu empfinden beeinflusst und verfeinert all unsere Körper. Im Gefühl von Dankbarkeit öffnen wir uns einer Energie, die unser gesamtes Sein tiefgreifend transformiert. Wie alle echten spirituellen Praktiken ist diese Übung langwierig, manchmal frustrierend und kennt keine Abkürzungen. Aber sie ist sicher, sie transformiert zuverlässig unsere Persönlichkeit – und sie funktioniert! Das bedeutet, dass sie echte und wesentliche Resultate bringt. Du musst das nicht glauben, nur weil ich es hier schreibe. Probiere es aus, Dankbarkeit zu empfinden, einen Tag lang, einen Monat, ein Jahr, und stelle dann die Veränderungen in deinem Leben fest. Ich würde es eigentlich als lebenslange Übung empfehlen, aber manche tun sich mit kürzeren Zeitabschnitten leichter ...

Beispiele von Dankbarkeit

Es sind oft keineswegs außergewöhnliche Situationen, in denen wir eine tiefgehende Dankbarkeit empfinden können. Wenn ich länger Reiki gebe, erlebe ich manchmal einen Zustand von Dankbarkeit, den ich mit „mir geht das Herz auf“ beschreiben könnte. Wie immer ist bei solchen Zuständen die Beschreibung mit Worten unvollkommen. Menschen mit ähnlichen Erlebnissen fällt es leichter, die Erfahrung hinter den Worten nachzuvollziehen. Hast du schon erlebt, dass beim Reiki-Geben ein bestimmtes Gefühl der „Sympathie“, eine „nicht-persönliche Liebe“ oder „tiefes Mitgefühl“ für den Empfänger entstehen? Manche Reikianer beschreiben das wörtlich mit „Dankbarkeit“ oder als „mehr eins sein mit der Welt“ oder „mehr in Verbindung mit der Schöpfung sein“. Diese Empfindungen werden sich kaum einstellen können, wenn wir Reiki „nur nebenher“ geben.

Tiefe Dankbarkeit empfinde ich persönlich häufig bei Reiki-Einweihungen, und ich erlebe sie dann als Gnade und Geschenk. Für mich ist Dankbarkeit letztlich etwas, um das wir uns zwar bemühen können und müssen, das uns aber eher als Resultat unserer Bestrebungen gegeben wird beziehungsweise widerfährt. Beispiele dafür kennen wir auch aus dem normalen Leben. Ich glaube, dass jede Mutter (Väter will ich hier nicht ausschließen) tiefgehende Dankbarkeit empfindet, wenn sie ihr neugeborenes Baby in den Händen hält und erfährt, dass es gesund und wohlauf ist. Sie braucht dafür kein Training und keine Schulung, sie erlebt es einfach.

Was ist alles lebendig?

Der Anblick eines neugeborenen Babys bringt uns in einer sehr unmittelbaren Art und Weise mit unserem Inneren, unserer eigentlichen Natur in Berührung. Selbst die hartgesottensten Männer verändern sich häufig allein durch die Beobachtung eines „frisch geschlüpften“ Menschenwesens in ihrem Verhalten. Babys symbolisieren für viele Menschen eine ganz natürliche Lebendigkeit, nach der wir uns als Erwachsene irgendwie sehnen, da wir sie nicht mehr in uns zu tragen scheinen. Die Aufforderung, für alles Lebendige Dankbarkeit zu empfinden, ist auch deswegen ein genialer Schachzug, weil sie die Frage aufwirft: Was alles ist lebendig?

Wir erkennen bei näherer Betrachtung relativ leicht, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen lebendig sind, eine bestimmte Form von Leben ausdrücken. Die Physik lehrt uns, dass eigentlich alles schwingende und damit sich bewegende Materie ist. Auch scheinbar tote Materie erweist sich als schwingend und damit belebt. Das kann uns helfen zu erklären, warum Reiki manchmal auch Veränderungen zum Beispiel bei technischen Geräten hervorruft und über die Ferne wirkt. Unserem Verstand fällt es schwer, das zu begreifen, weil ihm beigebracht wurde, dass Dinge leblos und Entfernungen absolut sind.

Noch wichtiger erscheint es mir aber zu begreifen, dass es sich bei der gesamten Natur um einen sehr lebendigen Ausdruck der Schöpfung handelt, von dem wir (nur) ein Teil sind. Würden wir unsere Mutter Erde tatsächlich als einen lebendigen Organismus ansehen – und was sollte sie eigentlich sonst sein? –, würden wir Menschen nicht so mit ihr umgehen, wie wir es oft tun. Denken wir einmal etwas länger darüber nach, was „alles Lebendige“ bedeutet, werden wir feststellen, dass gerade die Natur eine ausgezeichnete und vielfältige Möglichkeit bietet, mit unserer eigenen Natur in Berührung zu kommen. Dankbarkeit für alles Lebendige zu empfinden wird so zu einem Prozess, in dem sich unser Bewusstsein und die Erkenntnis unseres eigenen Selbst immer weiter entwickeln. Und Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung ...

Selbst-Erkenntnis im Alltag

Die Aufforderung, Dankbarkeit für alles Lebendige zu empfinden, lenkt unsere Aufmerksamkeit erst einmal auf etwas außerhalb von uns selbst. Es geht nicht darum, Dankbarkeit in irgendeiner Form von anderen zu erwarten (oder sich über deren Undankbarkeit aufzuregen), sondern sie selbst zu praktizieren. Das hilft uns, die Fallen unnützer Selbstbespiegelung und Selbstbeweihräucherung zu umgehen, bei denen wir nur um uns selbst kreisen, ohne uns wirklich zu erfassen oder einen Schritt weiterzukommen. Die Übung von Dankbarkeit für alles Lebendige bringt uns der Schöpfung insgesamt näher. Lange genug praktiziert, lässt sie uns quasi als „Nebenwirkung“ mehr und mehr erfahren, was wir von unserer Essenz her wirklich sind und welche Aufgabe wir hier auf diesem Planeten haben.

Ein letzter Tip für den Alltag kann vielleicht darin bestehen, nichts für selbstverständlich zu nehmen. In dem wir nichts als selbstverständlich hinnehmen oder als selbstverständlich gegeben ansehen, eröffnet sich uns die Dimension dessen, was gerade nicht selbstverständlich, sondern für uns im allgemeinen schwer zu erfassen ist. Unser Leben bekommt eine andere Bedeutung, wenn wir auch für kleine Gaben der Natur dankbar sind. Dies können die Schönheit eines Steines sein, der Duft einer Blume, der Gesang eines Vogels oder die nette Geste eines Mitmenschen. Wir können damit beginnen, dass wir leise oder laut „Danke“ dafür sagen und dadurch die Bedeutung dieser Geschenke angemessen würdigen. Und es wird für uns und alles Lebendige einen Unterschied machen, wenn wir dieses „Danke“ auch tatsächlich so meinen.




Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psychologiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des „Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki“ in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Mensch „funktioniert“ und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.